Körners Corner - schreiben über Film


22. April 2024

Und das Böse gibt es doch nicht!

Wie arm dran wäre das Weltkino ohne seine asiatische Sektion! Wie arm dran sind Regionen in Deutschland, die dieses Kino nicht zeigen können, wo es also gleichsam nicht gesehen wird. Allein Ryusuke Hamaguchis neues Werk EVIL DOES NOT EXIST, das dem faszinierenden DRIVE MY CAR (2021) nachfolgt und ihm im Entstehungsprozess sogar ein wenig „nachtropft“!
Der Grund dafür hat einen Namen: Eiko Ishibashi, 49-jährige japanische Singer-Songwriterin und Multiinstrumentalistin mit grandiosen Referenzen und Kollaborationen bislang, von denen jene mit dem US-Amerikaner Jim O’Rourke besonders herausstechen. Der hat wiederum nicht nur bereits in Dresden live gespielt und prägenden Bands wie Gastr del Sol und Sonic Youth personell zu gitarristischer, basslastiger und produktionstechnischer Größe verholfen, sondern dreht selbst Kurzfilme und schreibt Soundtracks, darunter jene zu Kyle Armstrongs HANDS THAT BIND (2021) sowie zum herzgrapschend schönen LOVE LIZA (2002) mit dem unvergesslichen Philip Seymour Hoffman.
Doch zurück zu Eiko Ishibashi (die in Tokio – ein letzter Schwenk – mit Jim O’Rourke liiert ist). Nach einer ersten Zusammenarbeit mit Landsmann Ryusuke Hamaguchi in DRIVE MY CAR wuchs die Idee für ein visuelles Konzept heran, das Verwendung in einer von Ishibashis experimentellen Live-Performances, hier konkret zu „Gift“ und einem Stummfilm, finden sollte. Hamaguchi wiederum baute und entwickelte, konzipierte und realisierte dafür Sujets und Figuren auf schon fertige Musik und bündelte diese Arbeit zusätzlich in seinem neuen Spielfilm. Es sei eine „sehr freie und belebende“ Art des Filmens gewesen, so der Regisseur, nicht auf Grundlage von Dialogen zu arbeiten, sondern Bildern: „Ich konnte auf reinere und dynamischere Weise über sie nachdenken als je zuvor.“ Eiko Ishibashi, die in der Gegend lebt, in der EVIL DOES NOT EXIST gedreht wurde, weiß um die, wie sie sagt „starke musikalische Qualität“ der Filme von Ryusuke Hamaguchi und auch von seiner „Hingabe an den Sound“.
Eiko Ishibashis Klänge sind für EVIL DOES NOT EXIST essenziell. Genauso essenziell ist, wenn sie der Regisseur gnadenlos abbrechen lässt, als man sich gerade in ihnen einzurichten glaubte. Es ist pure Dramaturgie in einem grandiosen Kinostück, das inhaltlich und sehr geschickt lange Zeit daherkommt wie ein schnell zu dechiffrierendes Werk über gierige städtische Kapitalisten (böse!) und milde ländliche Bürger (gut!). Spätestens am völlig verstörenden Ende aber, sollte man begriffen haben, dass der klar ausgeschilderte Waldweg ein Irrweg war. Im Kino diesmal besonders genau hinzuhören, ist es nicht.
Und falls das alles hier mit KÖRNERS CORNER – schreiben wie reden – noch schiefgehen wird, weiß ich, was als nächstes kommt: Ich werde so wie Takumi, eine Hauptfigur im Film, „örtlicher Handlanger“.

Post für Andreas Körner