Körners Corner - schreiben über Film


23. Februar 2024

Zugeknöpft und wild geworden

Es beginnt die Zeit, in der man langsam die Grillabende mit Freunden terminieren sollte. Das Jahr ist schneller herum, als man offenluftig anheizen kann. Auch deshalb lohnen Blicke ins Kinoprogramm auf Ereignisse, die nicht gerade schon nächste Woche oder übernächste liegen. „Preview am 23. März“ klingt heute noch nach irgendwann. Besagte Preview gehört im PK Ost aber einem unbestrittenen Höhepunkt wiederveröffentlichter Filme. Meilenstein, sagt man gern dazu. Mit dem Unterschied, dass STOP MAKING SENSE von Jonathan Demme wirklich einer ist und jede bild- und tontechnische Reparatur und Frischekur mit angeschlossener Neuauflage unbedingt verdient. Selbst nach vier Jahrzehnten.
Ich persönlich habe ihn schon zu DDR-Zeiten sehen dürfen, kollektiv in der AG Rockmusik beim Kulturbund. Wie Elstern hockte die Handvoll Dresdner Musikjournalisten in einem kleinen Raum beieinander und schaute und hörte 88 Minuten von VHS. Streckenweise mit offenem Mund. Für Martin Scorseses THE BAND – THE LAST WALTZ hatten wir uns auf der Prager Straße noch die Beine in den Bauch gestanden, um diesen nächsten legendären Film auf der angemessen großen Leinwand des Rundkinos zu sehen. STOP MAKING SENSE traf dagegen unser Independentherz, das wir damals noch gar nicht so nannten. Seitdem traf uns der Schlag - immer wieder. Neben besagtem „Letzten Walzer“ und der BLACK AND WHITE NIGHT der Roy-Orbison-Allstar-Band gehören die drei auf Zelluloid gebannten 1983er Konzerte der Talking Heads zu den zeitlosen Dokumenten der Musikfilm-, präziser Konzertfilmgeschichte.
Allein beim Beginn richten sich mir immer wieder neu die Nackenhaare auf, kommen Gänsebeulchen en masse. Die Bühne im Pantages Theatre Los Angeles ist noch komplett leer, als Front-Head David Byrne sie mit Akustikgitarre und Kassettenrekorder betritt. Ein Klick auf „Play“, der Beat geht los: „Psycho Killer“! Bassistin Tina Weymouth und Gitarrist/Keyboarder Jerry Harrison erscheinen jeweils einen Song später, das Schlagzeug-Set von Chris Frantz wird von Roadies reingeschoben, während (!) das Konzert langsam hochköchelt, wild und wilder wird. Erst bei „Burning Down The House“ sind die Talking Heads zu neunt, also komplett, und damit ist es auch das Setting. Unfassbares Intro! „What a funky show“, wird das Quartett 15 Jahre später sagen, als eine erste neue Fassung des Films veröffentlicht wird. Funk, New Wave, grandiose weltmusikalische Rhythmen, ästhetische Finessen, präzises Miteinander – die 1991 aufgelösten Talking Heads sind als schubladenlose Band in die Annalen eingegangen.
Es gab stetig restaurierte Versionen - jetzt ist das hochgepixelte 4K an der Reihe und vor allem auch das optische Konzept der Show, die Heads zeichneten selbst dafür verantwortlich, rechtfertigt noch immer jeden qualitätssteigernden Eingriff. Mehr noch: STOP MAKING SENSE wird immer besser. Da fehlten Flackerfarben, es gab keine störenden Effekte, dafür grandioses Spiel mit Schatten, den epochalen Tanz um eine Stehlampe, Laufeinlagen, Aerobic und David Byrnes nicht minder epochalen Kasten-Anzug („Big Suit“), keine nervigen (aber durchaus üblichen) Schnitte ins Publikum oder Unterbrechungen durch Interviews. STOP MAKING SENSE ist wirklich Konzert pur – man hat bei Aufführungen weltweit immer wieder getanzt und geschwitzt im Kinosaal. Apropos Schwitzen: Achten Sie bitte auf David Byrnes Kleiderordnung. Sein Hemd, so sehr es auch triefen mag, bleibt lange Zeit und immer wieder zugeknöpft bis oben. Das ist uns schon beim ersten Sehen aufgefallen.
Zumindest an David Byrne, bald 72-jährig, bin ich drangeblieben. Erlebte ihn live in Leipzig und in einem westaustralischen Weingut, las das launige Buch des passionierten Radfahrers („Bicycle Diaries“), war begeistert von seinen Kollaborationen mit der Singer/Songwriterin St. Vincent und Regisseur Spike Lee („American Utopia“), hörte genau hin, als er Soundtracks kreierte (Bertoluccis „Der letzte Kaiser“). Die Krönung jüngster Jahre kam aber 2011. Der Italiener Paolo Sorrentino holte David Byrne für seinen Streifen CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE ins Boot, ließ ihn zusammen mit Will „Bonnie Prince Billie“ Oldham nicht nur den Soundtrack verantworten, sondern filmte zugleich den titelgebenden Heads-Song in einem Club mit Byrnes Band – und das Bühnenbild mit sitzender Frau fährt über ihre Köpfe. Instant classic! Zudem lässt Sorrentino Cheyenne, seinen von Sean Penn unfassbar abgehalfterten Musiker, zu David Byrne als David Byrne sagen: „Wir haben gar nichts gemeinsam. Du hast solche präzisen Gedanken, Ideen, die du verwirklichst und mit denen du Menschen verblüffst. Sie sagen, du bist außergewöhnlich, ein Künstler, und sie haben recht. Du bist ein Künstler!“ Wahre Worte!
Übrigens wurden, laut Billboard-Magazine, den Talking Heads gerade mal wieder lächerliche 80 Millionen US-Dollar für eine Reunion und „sechs bis acht Festivalgigs und Headlining Slots“ angeboten. David Byrne und die Band haben natürlich abgelehnt.
Preview STOP MAKING SENSE Sa 23.3. 21:00
Post für Andreas Körner