Körners Corner - schreiben über Film


29. Februar 2024

Das Nachsehen, Folge 3

Übrigens wurden auf der diesjährigen Berlinale sogar wieder Filme gezeigt. Man könnte meinen, eher nebenbei und verschämt. Ausnahmsweise, sozusagen. Es waren – dem Vernehmen nach – sogar experimentelle Werke dabei, lustige auch, spannende und luftige. Meistens aber wurde diskutiert. Die Berlinale will ja politisch sein. Vor allem politisch. Nicht so bräsig sommerlich wie Cannes, nicht so wässrig wie Venedig und gleich gar nicht so weit weg vom Puls des vereinten Europas wie Sundance oder Toronto. In Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, geht es anders temperiert zu. Nicht nur, dass hier sprechende Nilpferde und gleichsam schwätzende kulturelle Aneignungen bepreist wurden, überall waren Klebezettel auf Körperteilen zu sehen, Statements zu hören und ganz am Anfang sowie am Ende der Berlinale köchelte das alles hübsch hoch und rief Reflexbefindlichkeiten mit Menschen dran auf den Plan.
Dass man der AfD die Samtsessel der Eröffnungsfeier sperrte, nachdem man der Partei zunächst eben diese willig überlassen wollte, weil laut Protokoll ja wohl musste – geschenkt und ein urdeutsches Problem völlig missratener Kommunikation und schiefgelaufener OP am offenen Rückgrat. Heikel aber und zwar so richtig wurde es dann zur finalen Preisverleihung, live übertragen auf 3sat, also on air schwer zu lenken und erst recht zu korrigieren. Man sah Palästinensertücher auf Schulterblättern, las und hörte unverfrorene Aufrufe zur Waffenruhe im Gaza-Krieg, gar verbales „Entgleisen“ von Preisträgern, spontan gekoppelt an massiven Beifall vom Saalpublikum. Was war da bloß los? Eine Verschwörung? Justizminister Buschmann (er sah „Roth“ und hat sich bereits gemeldet), übernehmen Sie die Verurteilungen! Ich klage hohe Haftstrafen für „falsche“ Meinungen ein, „unausgewogene“ Äußerungen, für emotionale Sätze anstatt komplexer globalsoziologischer Analysen mit exakt derselben Anzahl Buchstaben für die eine und die andere Seite. Handeln Sie bitte schnell, denn die nächste Sau ist sicher schon losgelassen, losgelaufen und steuert Richtung Dorf!
Regisseur Andreas Dresen, der mit seiner Meinung selten hinterm Berg hält, mahnt, man solle aus einer politischen Berlinale nicht eine Berlinale der Politik machen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht der Bitte, ja, Aufforderung, NO OTHER LAND von Basel Adra, Hamdan Ballal, Yuval Abraham und Rachel Szor schnell ins Kino bringen. Er zeigt nicht d i e Wahrheit des Nahost-Konflikts, sondern einen Teil davon. Dass auch er einen Preis bekam, ist fast schon tröstlich.

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