Körners Corner - schreiben über Film


20. Juli 2026

Viva la vida Rondalla

Schräg klang das schon. Großer Zapfenstreich zum Abdanken einer Kanzlerin, dazu typisch deutsches Gebläse und Geklöppel des Stabsmusikkorps. Merkel wählte 2021, neben einem Kirchenlied, zwei Schlager zur Raute. Einmal Ost, einmal West, Hilde Knef und Nina Hagen, verregnete „Rote Rosen“ und der vergessene „Farbfilm“. Auch das war eher schräg.
Doch es gibt eine wirklich tröstliche Musiktradition dieser Art und gänzlich ohne Bundeswehr. Ganz in natura, nur ein wenig weiter südlich. Rondallas heißen sie dort in einer sehr spezifischen und vergleichbar kleinen Region Spaniens, genauer Galiciens und noch genauer in und um Pontevedra und Valencia. RONDALLAS heißt auch SO KLINGT DAS LEBEN im Original. Es ist ein klassischer Ensemblefilm, der die Energie der Gemeinschaft feiert.
Wenn man in großer Formation „Thunderstruck“ von AC/DC mit Dudelsäcken, Kastagnetten, Tamburins, Pauken und Muscheln spielen, dazu schwere Fahnen schwenken und durch enge Gassen ziehen kann, dann geht es erst recht mit Coldplays Hymne „Viva La Vida“. Denn SO KLINGT DAS LEBEN wirklich an der spanischen Küste, wo junge und ältere „Amateure“ das kulturelle Erbe dieser festlichen Rondallas am Leben halten. Wie in A Guarda. Zuletzt aber hatten die Bewohner des Küstenortes keine Muße und Inspiration für lustige Proben und glänzende Auftritte. Vor zwei Jahren sank ein Fischerboot, das Wrack wurde noch nicht gefunden, nur zwei der Männer aus A Guarda überlebten.
Luis und Yayo also. Sie fahren am Tag des Unglücks mit dem Kutter raus, um ihrer toten Kollegen zu gedenken. Während sich Yayo seither mit gespritztem Alkohol die Seele wäscht, zeigt sich Luis stabiler. Nicht nur, dass er sich der Witwe des Kapitäns, der sein bester Freund war, angenähert hat und schwer um die Akzeptanz von Carmens Töchtern ringt, er will auch ganz A Guarda wieder erwecken, um ein neues Ensemble mit Zuversicht und neuer Kraft für anstehende Rondallas zu formieren, die ihrerseits gern in Wettkämpfen ausarten und strengen Regeln gehorchen. Zwei Jahre Pause aber sind eine lange Zeit, die Instrumente sind kaum noch zu gebrauchen, die Lust der Bürger ist arg gedämpft, doch es gelingt, die Menschen des Ortes wieder ans Netz zu bringen. Dirigieren aber wird Luis nicht. Es geschehen Dinge.
Regisseur Daniel Sánchez Arévalo, der 2006 mit dem wunderbaren DUNKELBLAUFASTSCHWARZ debütierte, nennt einige der so erfolgreichen britischen Tragikomödien als Orientierung und sein Film hat tatsächlich viel davon auf der Zutatenliste: einen Mehrgenerationen-Überbau, zerstrittene Brüder, Freundschaft, situationskomische Momente, schmerzliche Wendungen, Zuversicht, Gefühl(-igkeit) und Wärme, lustvolles Spiel. Und dann eben die fulminante Kraft dieser Rondallas, die, verglichen mit einem deutschdörflichen Spielmannszug oder des eingangs erwähnten Bundeskorps, noch jeden Blutdruck zum Steigen bringen. Sogar nur vor der Leinwand.

Post für Andreas Körner