Körners Corner - schreiben über Film


25. Juli 2026

Claire hat einen Vogel

Das ist ja mal ein Filmtitel! Nicht schlecht, doch es geht nicht um einen Specht. H WIE HABICHT zeigt zwei Haupdarstellerinnen. Neben Claire Foy (Mensch) spielt Mabel (Habicht). Die englische Regisseurin Philippa Lowthorpe erzählt über die Dreharbeiten: „Wir konnten nur im Spätherbst und Winter drehen, danach setzt die Mauser der Habichte ein. Jede Aufnahme musste sich nach dem natürlichen Rhythmus der Tiere richten und die gesamte Crew hatte dieselbe ,Gefiederung’ zu tragen, dunkelgrüne oder schwarze Kleidung. Immer wenn ein Habicht am Set war, war ein Gefühl von Ehrfurcht und Respekt zu spüren.“ Dass insbsondere Claire Foy intensiv zu trainieren hatte, erscheint logisch. Ein Double wäre - aufgeflogen.
Im Grunde ist H WIE HABICHT ein nächster Vater-Tochter-Film. Mit Tieren. Und wie so oft im Leben entwickeln sich die entscheidenden Dinge erst nach einem tragischen Ereignis, bekommen Fahrt, neue Richtungen. Die „auf der Insel“, die Briten und Iren und Schotten, können es im Kino in besonderem Maße und mit besonderer Güte zeigen.
Helen Macdonalds Vater Alisdair (wie immer ein Fels auf der Leinwand: Brendan Gleeson) ist Fotojournalist in einer Art Ruhestand. Früh hat sie durch ihn gelernt, die Natur zu mögen und tiefer in ihre Geheimnisse einzudringen. Mit zwölf bekam sie gar ihren ersten eigenen Falken. Sieht Helen noch als erwachsene Frau einen Habicht oder zwei, ruft sie Dad sofort an, wo sie als Wissenschaftlerin längst schon in Cambridge unterrichtet. Genau so fühlt sich Vertrautheit an. Doch der plötzliche Tod des Vaters reißt Helen, sinnbildlich gesprochen, die Flügel aus. Wochenlang verfällt sie in Lethargie und marmorierte Erinnerung. Bis sie, auch das eher sinnbildlich, Mabel findet. Stuart, ein befreundeter Greifvogelzüchter, ahnt, dass die Idee, sich einen jungen Habicht anzuschaffen, eher Helens Umgang mit der Trauer dienen könnte, doch sie bleibt stur. Wie auch beim Kauf des Jungtiers. Das aus Kiste eins soll es sein und zwar nur das.
Helens Lebenspartner ist längst entsorgt, ab sofort gibt es nur noch Mabel und sie. Was heißt: Beobachten, Füttern, Abrichten. „Mabel ist nicht mein Haustier“, sagt Helen, „sie ist meine Jagdpartnerin.“ Helen wird sich auch gegen Vorwürfe zu verteidigen wissen, in Mabel das Töten zu forcieren, würde aus Spaß geschehen. Helen nennt es Teilhabe. Doch spätestens hier merkt sie, dass ihr das Leben entgleitet. Sie zieht sich komplett zurück, konzentriert sich obsessiv auf Mabel, Helens Mutter wird sagen, sie verwildere. Und die Rede auf Daddys Gedenkfeier ist noch längst nicht gesprochen.
Regisseurin Lowthorpe hält sich in ihrer Inszenierung von H WIE HABICHT konsequent an die 2014 in Buchform erschienenen Memoiren der echten Helen Macdonald. Größten Wert legt sie dabei auf das gemeinsame „Spiel“ von Mensch und Tier in Räumen und draußen im Freien, wobei Claire Foy speziell bis zur ersten Klappe, aber auch danach, eine respektable Leistung als Habichtspartnerin vollbrachte. Es ist eindrucksvoll, bislang so noch nicht gesehen und kompensiert mühelos einige Hänger in der Dramaturgie von Helens Alltag dann, wenn Mabel fehlt.

Post für Andreas Körner