16. Juli 2025
Kino ist immer auch ein wenig Sprechstunde. Man wird mit Krankheiten, Symptomen und Syndromen konfrontiert, von denen man bislang noch nie etwas gehört hat und vor denen man im echten Leben besser verschont bleiben will. Diesmal ist es Kortikobasale Degeneration (KBD), eine schlimme Sache, die sich nicht schlagartig, sondern schleichend einstellt, Bewegung beeinträchtigt und das Kognitive. Will man nicht! Braucht man nicht! Aber, wenn man sie hat?
Gilt das Übliche und stets schwer zu Leistende: Versuchen, damit umzugehen, die Krankheit anzunehmen, das Mögliche und vielleicht sogar das Beste aus sich verändernden Situationen zu machen. Wunderbar, man ist auf diesem Weg nicht allein. Moth und Ray Winn (Jason Isaacs und Gillian Anderson) haben sich und DER SALZPFAD hat sie. Ehefrau und Ehemann, mitten in den Fünfzigern, mit einer Beziehung, die sich im Realen schon allen Tatsachen gestellt hat und selbst auf der Leinwand weit über 115 Minuten andauern wird. Ich fühlte mich an Richard Eyres IRIS mit Judy Dench und Jim Broadbent erinnert und das ist ja auch schon wieder 24 Jahre her.
Viele würden in diesem Zustand gar nicht erst loslaufen. Moth schmerzen die Arme und Beine, oft ist es mehr Schlurfen als Gehen und dennoch zieht er mit seiner Frau seine täglichen Meilen. Die Landschaft ist im Grunde unfassbar schön, doch wo ist der Blick dafür? Entfernungen sind eingeblendet: 8 Meilen, 12, 36, 126, dann 168 und 600. Ob die beiden es wirklich schaffen, den gesamten Southwest Coast Path vom südenglischen Minehead, Somerset über Devon und Cornwall nach Pool Harbour, Dorset mit Rucksack und Zelt zu bewältigen, wird zunehmend zweitrangig und selbst das Warum erschließt sich erst nach und nach. Das probate filmische Mittel der Rückblenden, von Regisseurin Marianne Elliott so knapp wie behutsam eingesetzt, taugt dazu. Nur so viel: Fünf Tage wurden dem Ehepaar gewährt, um ihr Haus zu verlassen. Die Pfändung glich dem Szenarium einer Verhaftung, ein Gericht hatte entschieden, Moth sich zuvor in seinem Job und mit seinen Partnern verkalkuliert.
Schwarzer, trockener Humor ist ein treuer Begleiter der Eheleute. Nein, Deadlines gäbe es nicht auf ihrer Tour, sagt Moth. Rente? „Obdachlos, eher!“ Und pleite. Kleingeld wird wichtig für Moth und Ray, das wiederkehrende Essen der Instantnudeln, heißes Wasser für Tee, ab und an eine Geste von Menschen, die sie treffen, wobei die „salzigen Brombeeren“ als Geschenk der Natur weitaus besser munden als das vermeintliche Willkommen eines sich seltsam freizügig gebenden Paares. Moth wurde einfach verwechselt, man dachte, er sei Simon Armitage, der berühmte Dichter. Das war eng! Auch als die Flut am Strand kommt, die Ebbe am Bankautomaten, ein Albtraum nach dem anderen. Doch sie laufen und kämpfen, haben sich und die Erinnerungen, die Hoffnungen und vor allem ihre Liebe, die echte, jene also, die uns im Kino zu oft vorgegaukelt, nur behauptet wird. Hier ist sie zu sehen und zu spüren.
DER SALZPFAD wird durch das gemeinsame Spiel von Jason Isaacs und Gillian Anderson zum Ereignis. Eines, das dennoch nicht tobt wie der Atlantik. Am Ende ist der Film einfach besser als das bislang gesehene Erbauungskino mit Schnürsenkel dran. Wir kannten die Titel! Und haben sie längst vergessen.
Post für Andreas Körner