Körners Corner - schreiben über Film


7. Juli 2025

Vier Klemmen für einen Sohn

In der italienischen Komödie DAS FESTMAHL IM AUGUST (2008) hatte das temporäre Asyl einer alten Dame noch vor allem monetäre Gründe. Regisseur und Hauptdarsteller Gianni DiGregorio schrieb sich damals selbst einen Single auf den Leib, der im hitzigen Rom vier 80-Jährige zu versorgen hat, darunter die eigene Mutter aus auferlegter Nächstenliebe und die Mutter des Vermieters mit Aussicht auf Mietschuldenerlass. Der Film ist nur 75 Minuten lang und kommt besonders durch die betagten Laiendarstellerinnen völlig auf den Punkt. Auch für den irischen Regisseur Darren Thornton, seinen Drehbuch-Bruder Colin und die Idee der Adaption des Stoffes. Obwohl es die Bezeichnung „in Anlehnung an …“ viel besser trifft.
Die Sichtung der italienischen DVD absolvierten beide im Elternhaus, wohin sie wieder gezogen waren. Mutter Trish hatte die Diagnose einer neurodegenerativen Krankheit erhalten und die Söhne erklärten sich bereit, ihre Vollzeitpflege zu leisten. Das „neue“ Drehbuch war dann also angefüllt mit eigenen Erfahrungen und auch der männliche Hauptcharakter bekam völlig eigene Konturen. VIER MÜTTER FÜR EDWARD, im Original FOUR MOTHERS, war geboren – und startet jetzt bei uns im Kino. Als sanfte Komödie über unsanfte Themen.
Alma (Fionnula Flanagan) lässt das Glöckchen klingeln und Edward (James McArdle) alles stehen und liegen. Die Mutter kann nach einem Schlaganfall kaum mehr laufen und nicht sprechen, der Sohn begleitet ihren Alltag. Die Kommunikation läuft von Almas Seite aus übers iPad, blechern kommen selbst die Maßregelungen für Edward, dann zum Beispiel, als er im Interview für einen Radiosender einfach zu schnell spricht. Beruflich läuft es für den Mittdreißiger trotzdem gerade ordentlich. Der Schriftsteller hat ein autobiografisch angehauchtes Buch über das Erwachen eines schwulen jungen Mannes in Irland veröffentlicht, das in den USA vor besten Kritiken und größerer Resonanz steht. Indes, eine 14-tägige Lesereise ist zwingend nötig, wäre Edward nicht so zwanghaft unentschlossen, verunsichert, hin- und hergebeutelt zwischen Verantwortung, Stress und defensiver Willensbekundung.
Doch damit nicht genug: Zwei seiner schwulen Freunde haben eigentlich mit ihren eigenen Müttern zu tun und selbst Edwards älterer Psychotherapeut, beim Outing noch in Kinderschuhen verhakt, entwickelt spontane Reisepläne. Für die drei gibt es in diesen Tagen nur ein Ziel, die Pride-Fete in Maspalomas/Gran Canaria. Für Mama haben sie ja einen an der Hand. Edward wird’s schon richten, der Filmtitel bekommt schlagartig Sinn. Vier Klemmen für einen Sohn, vier Witwen auf Residenz unter einem Dach – das kann ja heiter werden!
Und heiter wird es, zart heiter, nicht grell und zotig. Der marmorierte Humor ist hier von milder Sorte und eher aus Situationskomik gespeist, wenngleich die Brüder Thornton sowieso eher den Fokus auf Edward richten, auf sein Taumeln zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Hilfestellung und Schrei ins Kissen, auf einen Kuss, der ein Kuss bleiben darf, und feiner Friedfertigkeit. Mittels moderner Technik hält Edward sein Buch überm großen Teich am Köcheln und die Damen daheim bei Laune. Wer hier auf scharfkantige Brüche wartet, Ausschläge auf der nach oben offenen Richterskala oder dramatische Wendemanöver, ist falsch im Film. Wer sich allerdings via Leinwand auf leisen Sohlen in die Runde begeben und sie vergnügt wie angeregt beobachten mag, ist richtig.
VIER MÜTTER FÜR EDWARD ist kein besserer Film als DAS FESTMAHL IM AUGUST. Er ist nur anders, aber eine der besseren Coverversionen.

Post für Andreas Körner