Körners Corner - schreiben über Film


23. Juli 2025

Heute zum Italiener!

Jetzt im Sommer, da wir uns unterwegs wieder am besten fühlen, könnte das Ziel der Reiserei Vermiglio heißen. Es ist, laut regionalem Fremdenverkehrsamt, das „höchstgelegene Dorf an der Straße, die von Trient zum Passo del Tonale führt (1.260 m ü.d.M.) und besteht aus drei Ortsteilen, die eine einzige zusammenhängende Siedlung bilden: Cortina, Fraviano und Pizzano“. Allein, ausgesprochen am heimischen Endgerät, klingt dieser Satz schon wie Urlaub in Italien.

Man könnte auch nach VERMIGLIO laufen, fahren oder sich fahren lassen und es liegt gleich ums Eck. Dann meint es Maura Delperos Film, der auf poetische, raumgreifende, bildwuchtige, einfach wunderschöne Weise Landschaft, Ort und Menschen atmet und atmen lässt. Eine zweite Reise gesellt sich hinzu, eine Zeitreise. VERMIGLIO spielt in den Mittvierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Regisseurin und Drehbuchautorin Delpero greift auf die eigene Familie zurück. Wer also könnte ihr Werk besser beschreiben, als sie selbst. Mauras Vater sei ihr im Traum erschienen und „war in das Haus seiner Kindheit zurückgekehrt, nach Vermiglio. Er war sechs Jahre alt und hatte die Beine eines Steinbocks. Er lächelte mich zahnlos an, und er trug diesen Film unter dem Arm. Vier Jahreszeiten im Leben seiner großen Familie. Eine Geschichte von Kindern und Erwachsenen, zwischen Todesfällen und Geburten, Enttäuschungen und Wiedergeburten, von ihrem Zusammenhalt in den Wirren des Lebens, von ihrem Weg von der Gemeinschaft zum Werden von Individuen. Eine Geschichte von den hohen Bergen mit ihren Wänden aus Schnee. Vom Geruch von Holz und heißer Milch an eisig kalten Morgen. In einem Krieg, der weit weg und doch immer gegenwärtig ist, erlebt von denen, die außerhalb der großen Maschinerie blieben: Die Mütter, die die Welt von der Küche aus beobachteten; mit Neugeborenen, die starben, weil die Bettdecken zu kurz waren; die Frauen, die in der Sorge lebten, Witwen zu werden; die Bauern, die auf Kinder warteten, die nie zurückkehrten; die Lehrer und Priester, die die Väter ersetzten. Eine Kriegsgeschichte ohne Bomben und große Schlachten. In der unerbittlichen Logik der Berge, die die Menschen jeden Tag daran erinnert, wie klein sie sind.“

VERMIGLIO zeigt Alltag. Nur ihn? Nur? Da ist die milde Ehe von Cesare und Adele mit ihren vielen Kindern, von denen sich die drei großen Töchter – Lucia, Ada und Flavia – sehr besonders mit dem Zuschauer verbinden. Weil sie auf dem Weg sind, mit sich und in Beziehungen zu anderen Menschen im Ort und jenen, die kommen und gehen. Vor allem Pietro, der junge Mann aus dem Krieg mit Zwischenhalt Vermiglio und Endstation Sizilien. Oder Virginia, die Dorfkesse, die dem braven Leben eine Option darreicht. Dorflehrer Cesare hat seine längst gefunden: Klassische Musik von Platte, er sagt, sie sei „Nahrung für die Seele“. Erotische Fotos sind es wohl auch.

Das Flüstern der Kinder hallt nach, das Geheimnis der Jugend, die Buße der Großen, das Luciafest im Winter, der Wein am Morgen, der Hunger, die Tradition. Hoffnung, sich aus Gram und Schwere und dem Entsetzen der Wahrheit erheben zu können. Irgendwann.

VERMIGLIO – in zwei Stunden hin und zurück. Eine für italienische Verhältnisse fast wortkarge Unternehmung. Geeignet als sinnlicher Nachklang zum echten Urlaub, als Idee für den kommenden. Als pures Kinoglück und Vorbote für ein nächstes, das Ende August die Atmosphäre aufzunehmen vermag. Dann, wenn es in die Altmark geht und ebenso in Zeitreisen zurück, hinein in Familien und Verbünde. IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski startet. Damit es schon mal verkündet ist.

Post für Andreas Körner