Körners Corner - schreiben über Film


26. Mai 2026

Läuft!

Dies ist ein Test: Wie lautet die erste Reaktion nach Ankündigung eines neuen Films über den Nationalsozialismus oder die DDR? Richtig: Schon wieder? Längst aber hat sich eine dritte Kategorie des vermeintlich sattsam Bekannten eingeschlichen. Dort laufen Filme über das Wandern – schönes Wortspiel, oder? Sie sind wechselweise Teil des Erbauungskinos mit Sport oder Selbstspiegelungen mit Suchfunktion. Wir kennen die Titel. Und wir kennen die grottigen und die besseren Streifen. Bevor in ein paar Wochen zum x-ten Male auf den Jakobsweg eingebogen wird (DIE CAMINO-THERAPIE) und mit noch immer frischen Erinnerungen an den wirklich schönen DER SALZPFAD, ist gerade THE NORTH gestartet. Es ist wieder einer der Besseren.
Nicht-Wanderer sehen mindestens zwei Nullen zu viel, wenn davon die Rede ist, dass Menschen freiwillig 600 Kilometer laufen, um in Schottland gen Norden dem West Highland Way und dem Cape Wrath Trail bis an den Atlantik zu folgen. In 30 Tagen. Der niederländische Regisseur Bart Schrijver hat es vor seinem Film schon getan (verletzungsbedingt nur bis knapp vor Schluss). Er wanderte auch 700 Kilometer vom Nordkap nach Finnland oder – in viereinhalb Monaten – schlappe 3000 Kilometer durch Neuseeland. Schrijver weiß also, wovon er filmt und das in doppeltem Sinne, denn er lief mit einem Freund. Wer noch nie mit einem Freund allein mit Rucksack und bei allem Wind und Wetter unterwegs war, tage- oder wochenlang, weiß nicht, dass sehr bald ein eigener Film entsteht – im Kopf. Mit wenigen Dialogen und vielen Improvisationen. THE NORTH zieht genau diese Option, denn er verlagert den eigenen, dann zweiten Film in den Zuschauerraum. Es ist radikal, wie wenig der Regisseur von seinen Protagonisten preisgibt, fast nichts von ihrem Vorleben, so gut wie nichts über den Aggregatzustand ihrer Freundschaft und natürlich erst recht nichts von dem, was kommen wird für sie. Dieser „Film“ läuft beim Zuschauer. Sind also 100 Menschen im Raum, könnten 100 Biografien von Chris (Bart Harder) und Lluis (Carlos Pulido) entstehen. Und alle stimmen. Die Tonspur – grandios, übrigens – hat man schon mal.
Was man weiß, die beiden haben sich zehn Jahre nicht gesehen, bewohnten einst gemeinsam eine WG und nun laufen sie los und kommen an. Treffen kaum andere Menschen und wenn, dann sind es knappe, aber starke Begegnungen. Sie lachen zusammen, schweigen, spielen Uno wie einst in der Bude, sie schlafen gemeinsam in einem Zelt und kochen. Manchmal auch vor Wut. Über das Wetter. Sich selbst. Den anderen. Die Mücken.
Chris, der Niederländer, telefoniert mit der Freundin oder den Kollegen. Hat noch Tabellen dabei, vor allem im Kopf. Lluis, der Spanier, telefoniert nur ein einziges Mal, spät und mit seiner Familie. Dieser Unterschied zwischen den beiden Männern wird nicht ausgeschlachtet, er wird hingenommen wie so vieles in diesem Film, der ganz groß ist im Beobachten, nicht im Sezieren und gleich gar nicht im Philosophieren. Schritt folgt auf Schritt. Das muss so sein, denn da wären ja noch die Landschaften. D i e s e Landschaften! Sie gieren nach Leinwand und verkümmern am Bildschirm. Will meinen: DVD und Stream sind diesmal keine Option.

Post für Andreas Körner