Körners Corner - schreiben über Film


29. Mai 2026

Die Richtigen getroffen

Sicher lohnt vor dem Kinobesuch noch mal der Blick in den persönlichen Lageplan. Hat man wirklich nah am Wasser gebaut oder doch eher etwas weiter weg? Film ist ja stets ein wunderbarer Seismograph, kaum zu bestechen und VERFLUCHT NORMAL von Kirk Jones ist sehr weit vorn im Prüfverfahren.
Kirk Jones? Da war doch was in den Neunzigern! Sein Spielfilmdebüt LANG LEBE NED DEVINE! über einen Lottogewinn mit dörflichen Folgen wird noch immer zuvorderst als Musterbeispiel einer herzhaft-komisch-tragisch-britischen Komödie genannt, die es in besagtem Zeitraum regelmäßig und später immer wieder mal gegeben hat. Kirk Jones’ aktuelles Werk führt das Beste daran um wichtige Nuancen weiter. Letztlich aber ist es vor allem der, wie es immer so schön heißt, „wahre Hintergrund“, der über das grandiose Spiel von Robert Aramayo und Scott Ellis Watson einen Menschen porträtiert und damit heftig ans Gemüt greift: John Davidson.
Er hätte einen sechsten Sinn gebraucht, sagt Davidson, um zu überleben. „Meine Erwartungen hinsichtlich der Reaktionen anderer treffen meistens ziemlich genau zu. Wenn es sich um Fremde handelt, bin ich an ihren Schock und ihre Wut gewöhnt. Manchmal begegnet mir dieser Blick voller Abscheu. Heute bin ich stolz darauf, dass ich Menschen einschätzen kann und dabei zu 99 Prozent richtig liege.“ John Davidson, 1971 im schottischen Galashiels geboren, ist ein super Typ. Witzig, gewieft, ein super Fußballtorhüter als Kind, später korrekt und fleißig auf Arbeit als Hausmeister im Gemeindezentrum. Dass er irgendwie auch zum Botschafter geworden ist, liegt an der neurologischen Krankheit, die, viel zu lange Zeit unerkannt, an und in ihm nagt. Eine Krankheit, die im Grunde viel zu niedlich klingt. Das scharfe Z in „Demenz“ und „Alzheimer“ verweist schon eher aufs Böse, aber Tourette?
Für den zwölfjährigen John beginnt es mit einem unkontrollierten Zucken, steigert sich in zwanghafte Bewegungen der Arme. Er spuckt beim Essen, sagt und wiederholt Dinge in der Öffentlichkeit, die man besser für sich behält, flucht, zeigt obszöne Gesten, die man besser lässt. Wenn man sie denn steuern kann. Gewiss, Mitte der Achtziger hatte man längst schon einen Namen für diese Erkrankung, nannte sie Tourette-Syndrom und die begleitenden motorischen und vokalen Symptome Tics. Doch, wie damit umgehen? Wie darauf reagieren? Wie behandeln – im Doppelsinn? Elizabeth II. war da besser vorbereitet, im Bilde und verständnisvoll, als sie John Davidson 2019 in den „Order of the British Empire“ erhob. Kurz vor der Verleihung hatte er noch lauthals „Fuck the Queen!“ in den noblen Saal gerufen.
VERFLUCHT NORMAL zeichnet Johns Lebensstationen nach, dringt mitfühlend, sensibel, nachdrücklich, unaufdringlich missionarisch und mit warm marmoriertem Humor, aber auch kalter, weil unausweichlicher Härte zunächst ein in die Chemie seiner Familie mit Dad, der geht, und Mum, die das alles nicht packt. Mit einem Schuldirektor, der noch schlägt wie in viktorianischen Zeiten. Mit dem Mobbing der Gleichaltrigen und der Gewalt der Älteren, dem natürlich gescheiterten Versuch (im Kino „Tootsie“ schauen!) einer sich anbahnenden Liebelei, den Unwissenheiten von Polizei und Justiz, aber eben auch mit jenem Moment, da John Davidson auf die richtigen Menschen trifft in Gestalt von Murray, einem alten Kumpel, und dessen Eltern. Besonders Mutter Dottie (fein: Maxine Peake) wird zur Dreh- und Angelgestalt für Johns Zukunft. Und da wäre noch Tommy Trotter, der alte Hausmeister. Was für eine Freude, hier den großen Peter Mullan wiederzusehen! Ohne sie alle hätte sich John ganz sicher schon „etwas angetan“.
Regisseur Kirk Jones, der fürs finanzielle Realisieren seines Herzensprojekts das Familienhaus verkauft hat, weil potenzielle Geldgeber mit der „Fülle an Schimpfwörtern“ im Drehbuch partout nicht zurechtkommen wollten, weiß, was Kino leisten kann, wenn es gut ist. Und das hier ist verflucht gut!

Post für Andreas Körner