30. September 2026
Gut, die Witzchen über den Begriff der Künstlichen Intelligenz und ob wir sie wirklich brauchen, wo es oft an natürlicher Intelligenz fehlt, setzen schon Patina an. Auch über das frappierend späte Zitat der Ex-Bundeskanzlerin, wonach das Internet Neuland sei, ist genug gelästert worden. Das Zeitgenössische aber kann den Bürger dann doch bewegen, aufregen, ihm Angst machen. Vor allem, weil in der tagesaktuellen medialen Öffentlichkeit über Künstliche Intelligenz zumeist eher reflexartig gesprochen und geschrieben wird. In den heutigen Dresdner Neuesten Nachrichten beispielsweise gehören der KI auf vier Seiten fünf Überschriften und da ist noch nicht mal dabei, dass der US-Präsident die KI, also AI, in American Intelligence umbenannt hat. (Stimmt aber nicht! Es sind die fake news eines erregten Autors. Noch!)
Science-Fiction-Filme im Kino sehen mittlerweile gar nicht mehr so echt nach Fiktion aus. Dystopisches wird heimelig. Es ist längst offiziell, dass die Vereinigten Staaten im Weltraum ein Waffensystem installiert haben, STAR WARS also ist im Genre Humbug. Das mit dem Kontrollchip in den Armen isoliert lebender Menschen, alternierend mit Gesundheitsdiktatur und der kollektiven „Methode“ sowie einer beschämend kleinen Gegenbewegung von „Chipgegnern“ außerhalb der „sicheren Zone“, war für Autorin Juli Zeh vor 20 Jahren noch ein Theaterstück und ein Buch wert. Lena Stahls Verfilmung von CORPUS DELICTI verpasst es, dem potenziell brisanten Stoff aktuelle Schärfe und Tiefe zu geben. Dann doch lieber der parallel startende neue Dörrie! Denn FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS ist als berührende Tragikomödie von vorzüglicher (manche sagen alter) Doris-Dörrie-Qualität und darin sehr heutig beziehungsweise morgig oder baldigst.
KI wurde hier in einem humanoiden Pflegeroboter verbaut, der allerdings nicht viel mit jenem aus Maria Schraders göttlicher Komödie ICH BIN DEIN MENSCH zu tun hat. Erst im alten Bademantel von Frau Winklers verstorbenem Mann, den sie an ihm hasste, wird sein Äußeres auf Alltag herunter gebrochen. Obwohl: Doris Dörrie siedelt ihr Werk in einer Zeit an, wo Roboter in jedweder Form schon akzeptierte Partner sind – als Hund, Freund oder eben lerneifrige Pflegekraft. Frau Winklers Tochter Emi hat den von der Kasse bezahlten Gesellen besorgt, weil sie ihre nach einem Unfall mit Vorhang bewegungseingeschränkte 80-jährige Mutter versorgt wissen will, wenn sie mal nicht kann. Und sie kann immer weniger, denn am Theater Lübeck soll sie endlich wieder eine Rolle bekommen, in Anton Tschechows „Drei Schwestern“, so wie einst ihre gleichsam als Schauspielerin umtriebig gewesene Frau Mutter. Die in Hamburg lebt. Bis dato selbstbestimmt.
Bevor der Roboter von Frau Winkler Pawlowitsch genannt wird, Tschechows zweiter Rufname, heißt er Arschloch. Doch es braucht hier eben nicht fast den gesamten Film, bis die beiden sich im Happy End aufeinander eingeschossen haben. Frau Dörrie lässt ihre Frau Winkler ziemlich zügig sanfter werden nach der Bosheit, neugierig nach der Ablehnung, offener nach der emotionalen Verstopfung. Warum? Weil es hier, trotz all der Technik, noch immer um die alte Wurst geht, die des Zusammenlebens, die von Mutter und Tochter und Familie. Es geht um Alter, Loslassen, Hinwenden. Um den Witz im Schmerz. Um den einen klaren Wodka, den man braucht, weil man ihn will und vielleicht nicht bekommt und würdelos auf Möbelpolitur ausweichen muss. Um Scham und Angst, diese kaum zu dechiffrierende Angst.
Und es geht in 108 sehr unterhaltsamen, so melancholischen wie beiläufig philosophierenden Momenten um zwei Frauen, die vor der Kamera einfach zusammengehören, weil sie aus einem künstlerischen Hold geschnitzt sind: Angela Winkler und Laura Tonke. Gebt beiden einen Sonderpreis! Doch, sie sind unbezahlbar ...