Körners Corner - schreiben über Film


21. September 2026

Erst auf die Zwölf, dann mit den Acht

Auch als Boxer sei es ihm immer nur um den Sport gegangen, sagt Karl Adam. Dass ihm dieser Spruch selbst ein Spielfilm nicht durchgehen lässt, ist wichtig. Mehr noch: Regisseur Hannu Salonen entwickelt in ADAMS ACHT die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit so früh nach beiden deutschen Staatsgründungen zum dramaturgischen Strang – einem von vielen. Karl Adam, der Trainer, reibt sich besonders mit Hans „Ari“ Lenk, dem Sportler. Nicht ohne Grund, denn bevor Adam, 1912 geboren, in den späten Fünfzigern und kompletten Sechzigern zum lange Zeit erfolgreichsten deutschen Rudertrainer wurde, war er im Ring, hat auf die Zwölf bekommen und ausgeteilt, war NSDAP- und SA-Mitglied sowie Pädagoge in einer Napola.
Der Film beginnt mit dem Akt des „Entnazifizierens“ und „Entlastens“. Damit das schon mal klar ist. Adam, angemessen komplex und stark gespielt von Oliver Masucci, hat eigene Definitionen vom Leistungsprinzip im Sport, sieht vor allem die Parallelen der Disziplinen, mag Außenseiter und solche, die sich durchzubeißen wissen, wo auch immer sie herkommen und sozialisiert sind. Deshalb verwundert es kaum, dass er im schleswig-holsteinischen Ratzeburg die Boxhandschuhe gegen Skulls tauscht, ohne selbst ein Ruderboot zu besteigen. Es geht ihm um „die Jungs“, die er um sich schart, eben ums Prinzip Leistung, die Ziele. Da darf gerangelt werden, gefetzt, gerungen, offen rivalisiert. Weil die Richtung klar ist.
Die echten Biografien und Zeitleisten sprechen Bände: Der Deutschland-Achter unter Karl Adam gewann 1960 wirklich Gold bei Olympia, Hans „Ari“ Lenk, der Bugmann, saß im Boot und wurde danach renommierter Philosoph, Manfred „Gammel“ Rulffs, der Schlagmann, ging seinen eigenen Erfolgsweg als Trainer. Selbst dass Lenk eine Frau aus der in Ratzeburg gefährlich nahen DDR hatte (ohne, wie im Film, ein Doppelleben auf beiden Seiten geführt zu haben), entspricht den Tatsachen.
ADAMS ACHT ist ein vorzügliches Beispiel dafür, aus belegten Fakten Fiktionalität zu ziehen, um einen grundsympathischen, unterhaltsamen Kinofilm mit Pepp und Wirkung zu versehen. Diskutiert wird über Mixturen dieser Art stets aufs Neue, zuletzt in SPAZIERGANG NACH SYRAKUS, für den sich Regisseur Lars Jessen aus der Wahrheit alle Freiheit nahm. Und der Sport schießt auf der Leinwand einige der dankbarsten Steilvorlagen, man denke an Sönke Wortmanns DAS WUNDER VON BERN. So entwickelt auch ADAMS ACHT eine stimmige zeitgeschichtliche Aura mit vielen prägnanten Charakteren, eigensinnigem Humor („Wo liegt eigentlich Ratzeburg?“ Antwort Karl Adam: „Ungefähr eineinhalb Längen vor Kiel.“) und den richtigen politischen Fragen. Sogar der Ost-Teil funktioniert weitgehend ohne Klischeepappe, weil die Figur der jungen Mutter, Aris Freundin Ulla, selbstbewusst genug aufzutreten weiß. Wie sagt sie zu ihrem rudernd-philosophierenden Grenzgänger: „Wenn du eine Hausfrau willst, musst du noch mal auf der anderen Seite des Ufers suchen.“ Doch auch dort im Westen mag sich beispielsweise Karl Adams Ehefrau nicht hundertprozentig nur am Herd einrichten.
Rein optisch ist ADAMS ACHT brillant. Für Ruderfreunde - die in den letzten Jahren am Darben sind, denn diese wunderbare Disziplin bekommt im Live-TV kaum noch Sendeminuten - gibt es grandiose Bilder aus der Luft, auf dem, im und unter Wasser, was nur logisch ist, denn das Rudern ist eine höchst ästhetische Angelegenheit. Es ist Kinosport!

PS: Dieser Text ist Matti, Marita und meinen ehemaligen Ruderfreunden der BSG Pentacon in Dresden-Laubegast gewidmet ...

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