8. Oktober 2026
Jelena nimmt eine Schaufel, um die Wohnung ihres Vaters auszuräumen. Bilder, VHS-Kassetten, Müll, Papier - Zeug eben. Und doch auch Zeugnisse. Die eines Lebens, sehr persönlich und privat. Jelenas Vater ist noch nicht tot, „nur“ eingeliefert. Sogar im Laufe des 81-minütigen Films wird Detlef Kissel mehrere Leben haben. An der Tochter ist es, damit umzugehen, auf ihn zuzugehen, wieder und wieder neu anzufangen, es zumindest zu probieren. Jelena Ilic kämpft an vielen Fronten um ihren Vater und am Ende um sich selbst.
Es gibt Krankheiten, die will man natürlich nicht haben, aber schon sie auszusprechen erfordert ein Höchstmaß Konzentration. „Drogeninduzierte, chronifizierte schizoaffektive Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp” zum Beispiel. Da bleibt nur die forensische Psychiatrie, da ist eine eigene Wohnung fortan Wunschdenken. Für wie lange? Das weiß keiner so richtig. Jelena erschrickt fast, als Vater am Telefon sagt, er könne nach all den Jahren in zwei Monaten schon raus. Sie weiß, dass sie es sein wird, an die sich der Vater klammert. Sie muss sich eingestehen, dass es besser wäre, er bliebe für immer „drin“. Nicht, um Ruhe zu haben v o r ihm, sondern wissend um diesen Schutzraum f ü r ihn, der sich über die Kürzel der Stationen wie „auf der 15“ oder „in die 42“ manifestiert.
„Ich habe keine Freunde“, sagt er, den Jelena als gefährlichsten und zugleich liebenswertesten Menschen beschreibt. Gefährlich war er vor allem früher – für sie, die Mutter und auch hier: sich selbst. Liebenswert ist er, wenn ihn Sanftheit übermannt, die schöne Erinnerung. An Zeiten, in denen er noch keine Körper verletzte, physisch nicht, nicht seelisch. Als die Psychosen nur Schatten ans Firmament warfen. Die Kunst, die Detlef erschuf, sollte und musste seine Süchte und Krankheiten kompensieren, zum Kaschieren war es früh zu spät. Jelena kam mit Depressionen, Albträumen und dem Schrecken davon, auch vor seinen Gemälden und Skulpturen. Auf die Frage, wie er sich beschreiben würde, sagt Detlef, er sei ein „stinknormaler, psychisch kranker Scheißebauer“. Und Jelena ist eine junge Frau, die Film studierte. Warum also nicht mit der Kamera die nächste neue Begegnung wagen?
EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT reiht sich zunächst ein in die Kette subjektiv initiierter Projekte mit streng persönlichen Themen, die dann „in Familie“ bleiben. Das erfordert Mut aller Beteiligten. Es war bei David Sieveking so, als er seine demente Mutter für VERGISS MEIN NICHT begleitete, nicht anders bei Janna Ji Wonders' Fünf-Generationen-Studie WALCHENSEE FOREVER und gleich gar nicht bei HINTER GUTEN TÜREN von Julia Beerhold über elterliche Gewalt – die ihrer Eltern. Jelena Ilic wählt für ihren Film einen eigenen künstlerischen Ansatz. Sie bleibt konsequent bei sich und ihrem Vater, blendet Umgebungen und Umstände fast völlig aus. Einzig die Mutter kommt mit ihrer Stimme und in Fotos oder älteren Videos vor. Neben dieser Archivplünderung zeigt Ilic aber auch, was sie vom Vater geerbt haben könnte und ihr einen sehr besonderen Faden zu ihm ermöglicht: die Kunst, das Zeichnen. Vater und Tochter arbeiten gern an gemeinsamen Comicbüchern. Im Film sind viele Sequenzen animiert. Ton und Optik sind also nicht nur bitter und schmerzvoll, auch leicht und humorvoll, von einer kleinen Zelle aus dem fremden Publikum zugewandt.
Man möchte so gern, dass Oasis genau diese Jelena gemeint hätten, als sie dereinst ihren Song „Don’t Look Back In Anger“ geschrieben haben. Die Gallagher-Brüder haben es gesungen, Jelena Ilic will ihn leben, den Blick zurück ohne Wut.