Die Musikerin und Filmemacherin Janna Ji Wonders erforscht mit feinem Gespür für Bildrhythmen und erzählerische Dramatik die Geschichte ihrer Familie, die fünf Generationen umgreift und sich auf die Frauen konzentriert. Der Familien-„Stammsitz“, ein Ausflugscafé am Walchensee in Oberbayern, wird zum magischen Ort einer Chronik, die aus reichlich sprudelnden Archivquellen geradezu intim Lebenslinien nachzeichnet und zugleich epochentypisch durchsichtig macht.
Bayerischer Filmpreis: Bester Dokumentarfilm
Dass Kinder zu ihren Großeltern ein entspannteres Verhältnis haben als zu ihren Eltern, ist ein bekanntes Phänomen; hier aber begegnet man einer besonders schönen, anrührenden Variante, denn das Verhältnis der Regisseurin zu ihrer Großmutter Norma ist nicht nur entspannt, sondern von herzwärmender Innigkeit und Komplizenschaft. Neben vielen anderen schönen Dingen enthält der Film eines der schönsten Großmutter-Porträts.
Das Verhältnis zur Mutter Anna erscheint im Vergleich dazu angespannter, zerrissener. Doch das bedeutet nicht, dass die Mutter schlecht wegkommen würde. Im Gegenteil. Anna stellt sich tapfer und offen den Herausforderungen der Tochter/Regisseurin, die als Erforscherin der Familiengeschichte mit ihrem Wahrheitswillen gerade auch dort nachfragt, wo es weh tut, wo umstrittene oder traurige Dinge zur Sprache kommen müssen. Das sind schmerzhafte Momente, denen die Mutter nicht ausweicht. Momente, aus denen der Film seine besondere Überzeugungskraft gewinnt.
In der ersten, bezaubernden Szene stellt sich Janna als „Fee vom Walchensee“ vor. Sie ist fünf Jahre alt, trägt einen Blumenkranz im Haar, und kann auch hübsch feenhaft erzählen. Ein Blumenkind, dessen Urgroßmutter 1920 das Ausflugscafé am Walchensee begründete, das es noch heute gibt: „Stammsitz“ der Familie, die der Film in matriarchaler Linie präsentiert, ein Ruhepol und Zufluchtsort, den die Frauen von der Küche aus regieren.
Der tiefgründige See, das herrliche Alpenpanorama, ein idyllischer und magischer Ort, an dem alle Frauen eine Aura von See-Fee und Undine-Geheimnis erhalten. Egal, wie verschieden die Lebensentwürfe auch aussehen mögen – das Spektrum reicht von der sesshaft-pflichtbewussten Norma bis zu Anna, die sich weltenbummlerisch auf spirituelle Sinnsuche begibt –, so gilt doch für alle Frauen, dass sie ihre eigenen Wege gegen das Dreinreden der Männer und gegen patriarchale Strukturen behaupten mussten und müssen.
Die Filmemacherin kann mit vollen Händen aus einem reichhaltigen Material schöpfen, denn in der Familie wurde viel fotografiert und gefilmt, und sie besitzt das Talent, ihrem Mix aus Archivmaterial-Zeitreisen und aktuellen Interviews ein markantes rhythmisches Gepräge zu geben. Janna Ji Wonders ist nicht nur Filmemacherin, auch Sängerin der Band YA-HA! und hat zahlreiche Musikvideos realisiert. Ihr musikalisches Talent inspiriert den filmischen Fluss, sowohl den Bilderrhythmus wie die Erzähldramaturgie.
Auf diese Weise arbeitet sie entscheidende Lebenswendepunkte plastisch heraus, zum Beispiel bei der USA-Mexiko-Reise, die Anna mit ihrer Schwester Frauke in den 1960er-Jahren unternahm. Mit Dirndl, Hackbrett und Gitarre machten sie sich als „bavarian folkmusic“-Duo auf den Weg, interessierten sich in Mexiko auch für schamanistische Rituale und den Peyote-Kult, und gerieten in San Francisco geradewegs in den Summer of Love, mitten ins Hippie-Herz des weltweiten Aufbruchs der Jugend.
Start: 21.10.2021