30. Oktober 2025
Es beginnt schon beim Begriff. Diesmal beginnt es wirklich beim Begriff. Denn es hat absolut nichts mit von Hysterie getriebener Korrektheit zu tun, verwendet man in keinem Falle mehr das überkommene Alltagswort „taubstumm“. Weil es wirklich diskriminiert. Und sowieso falsch ist! Spätestens seit einem großartigen Abend 2021 im Dresdner Societaetstheater mit der Schauspielerin und Autorin Athena Lange und ihrer Version des Stückes „Bilder deiner großen Liebe“, samt eines intensiven Gesprächs mit ihr danach auf der Bühnenkante, gehen meine persönlichen Alarmglocken bei diesem Thema nicht mehr aus. Athena Lange, geboren 1991 in Plauen, ist erst mit 20 Jahren ertaubt und beherrscht die Gebärdensprache derart fließend, dass sie ihr weit mehr als kommunikative Wege geebnet hat. Athena studierte Schauspiel, war und ist an Häusern in Leipzig, Hannover, Berlin und eben Dresden engagiert, spielte Rollen für Fernsehen und Kino. Gehörlos zwar, aber nicht stumm, sondern ausdrucksvoll gebärdend. Anders sprechend, also.
Im Kino ist Caroline Links JENSEITS DER STILLE von 1996 für viele noch immer so etwas wie ein Solitär. Gern erinnert man sich an Sylvie Testud als 18-jährige Lara, die sich Musik als ihre Sprache erobert, denn als Hörende neben ihren gehörlosen Eltern kam sie mit sich selbst an deutliche Grenzen. Es gab weitere Filme, die sich davor und danach mit ähnlichen Lebenssituationen und Charakteren beschäftigt haben und das weit mehr als am Rande und als Feigenblatt. Aus den Achtzigern sei GOTTES VERGESSENE KINDER genannt, von 2014 die waghalsige Komödie VERSTEHEN SIE DIE BELIERS?, jüngst erst kam das gelungene österreichische Jugenddrama WENN DU ANGST HAST, NIMMST DU DEIN HERZ IN DEN MUND UND LÄCHELST heraus. Noch zärtlicher und diskreter, feinfühliger und am Ende wirklich überzeugend, ist SORDA aus Spanien, der jetzt an den Start geht. Null Diskursfilm, völlig ohne Wink mit dem zweitlängsten Finger, glaubwürdig und aufrichtig berührend ist er, unauffällig und konsequent beobachtend inszeniert von Regisseurin Eva Libertad, stark personalisiert von Miriam Garlo, einer Künstlerin und Schauspielerin. Wie ihre Figur Ángela ist sie mit acht Jahren gehörlos geworden.
Bleiben wir gleich bei Miriam Garlo, Schwester der Regisseurin. Gemeinsam haben sie diese Ángela erschaffen, ohne in autobiografische Muster zu verfallen. Sie wollten eine fiktive Frau, Ende 30 zeigen, die „ihr Leben im Griff hat, stark ist und zugleich zerbrechlich, die kämpft, aber auch voller Widersprüche ist.“ Und genau so tritt Ángela auf: als Liebende mit Héctor (ebenfalls stark: Álvaro Cervantes) an ihrer Seite, als Keramikerin im Beruf, als gute Freundin und Tochter, die respektvoll gegenüber ihren hörenden Eltern aufzutreten weiß. Sie hat es augenscheinlich gelernt. Wie von den Lippen der Menschen abzulesen und sich den Wunsch zu bewahren, Mutter zu werden. Für jetzt. Genau jetzt! Für Ona.
Es ist eine schwere Geburt, doch nicht nur aufgrund „gängiger“ Komplikationen. Ángela hat ein immenses Kommunikationsproblem, obwohl Héctor an ihrer Seite ist. Diese Minuten echten Lärms gehen an die Nieren, öffnen sie doch einen ersten Horizont der Geschichte und damit der Realität. Weitere werden folgen. Wer weiß schon auf Anhieb, wie man sich als gehörlose junge Mutter seinem Baby nähert, mit ihm in Kontakt tritt, wenn es aufwächst, wie es tagein tagaus in der Kindertagesstätte läuft, auf den öffentlichen Spielplätzen oder daheim, wenn es um Onas erstes gesprochenes Wort geht? SORDA hat bis dahin wunderbar beiläufig von Fragen der werdenden Eltern erzählt, ob das kommende Kind nun hören wird können oder nicht, hat zurückhaltend ärztliche Details eingestreut und wird diesen Pfad weiter beschreiten. Ohne den griffigen Fokus auf Ángela zu verlassen, erzählt der Film von einer Familie und vor allem von einer Liebe. Die Lektionen geduldig erlernen muss – Scheitern möglich. Die schmerzvolle Punkte erlebt – und daran wachsen will. Die gewiss aufstehen wird nach dem Zusammenbruch.
Am Kipppunkt gegen Ende, einem heftigen Streit zwischen Ángela und Héctor, ziehen Regisseurin Eva Libertad und Miriam Garlo den beeindruckenden technischen Kniff, indem sie für mehr weit mehr als einen kurzen Moment die akustische Welt von Ángela fürs Saalpublikum hörbar machen, dieses gedämpfte Rauschen, den Schleier, das Diffuse. All das Gegenteil also, das SORDA als Kinostück zu geben in der Lage ist.