Paula, die pflichtbewusste jugendliche Tochter von Bauern aus der französischen Provinz muss viele Vermittleraufgaben übernehmen, weil ihre Eltern und ihr Bruder gehörlos sind. Als ihre außergewöhnliche Gesangsstimme entdeckt wird und ihr ein Musikstudium in Paris winkt, gerät sie in einen Gewissenskonflikt.
Beim Frühstück auf dem Bauernhof der Familie Bélier klettert der Lärmpegel unangenehm nach oben: Geschirr knallt auf den Tisch, Stühle schrammen über den Boden, Schubladen werden zugepfeffert und auch beim Kauen wird keine Zurückhaltung geübt. Die Ohren des Zuschauers schmerzen bei dieser Geräuschkulisse genauso wie die der Jugendlichen Paula, während ihre Eltern und ihr Bruder ungerührt mit ihrem Radau fortfahren. Aus nachvollziehbaren Gründen freilich: die drei sind gehörlos und haben keine Vorstellung von einer dezenten Lautstärke, die Rücksicht auf Paulas Gehörvermögen nehmen würde. Das in diesem Moment zusätzlich gereizt ist, weil sie wegen einer Kalbsgeburt und der Hilfe bei den Verhandlungen mit dem Tierarzt mal wieder eine schlaflose Nacht verbracht hat. Auf dem Weg zur Schule setzt sich das Mädchen dann erst einmal dicke Kopfhörer auf, um sich mit lauter Musik zumindest zeitweise nach den eigenen Bedürfnissen beschallen zu lassen und die Außenwelt zu verdrängen.
Regisseur Éric Lartigau etabliert damit gekonnt das Spannungsfeld, in dem seine Figuren agieren: Die diametralen Welten der Gehörlosen und der Hörenden, die übermäßige Anforderung an eine Jugendliche, eine Übersetzerrolle zwischen den beiden Sphären zu spielen, die Musik als Rückzugsraum und im weiteren Handlungsverlauf als Berufung der Protagonistin.
Die Reibung der Gehörlosen mit der Welt um sie herum führt immer wieder zu peinlichen Situationen, vor allem für Paula, wenn sie etwa beim Arzt die Geschlechtskrankheiten ihrer Eltern erläutern muss oder diese mit penetrantem Autohupen der ganzen Schule anzeigen, dass sie ihre Tochter abholen wollen. Auf der anderen Seite muss Paula immer wieder ihre Familie verteidigen, vor allem gegenüber dem ignoranten Bürgermeister, der sich körperliche Behinderungen nur in Kombination mit einem beschränkten Geist vorstellen kann.
Dass die Béliers so sehr aufeinander angewiesen sind, schweißt sie enger zusammen – wodurch wiederum Paulas Bedürfnis nach einem eigenen Leben einen größeren emotionalen Beiklang erhält. Als sie dem Schulchor beitritt und durch die schroffe, aber aufrichtige Förderung des Chorleiters eine außergewöhnliche Gesangsstimme entdeckt, beschwört das den zentralen Konflikt herauf: Wie soll sie ihrer Familie vermitteln, dass sie womöglich nach dem Schulabschluss den Bauernhof ausgerechnet für eine Ausbildung als Sängerin verlassen wird?
Start: 02.02.2023