Körners Corner - schreiben über Film


2. November 2026

Ainara und der GLAUBE

Ja, es darf einem spanisch vorkommen! Auch fern vom Granden Almodóvar schaffen es iberische Filme mittlerweile in beständiger Folge ins Tagesprogramm der Kinos. Die Taktung ist natürlich noch geringer als die der Franzosen, aber mit den Italienern können es die Spanier längst aufnehmen. Und, nicht zu vergessen, am Ende entscheiden eben deutsche Verleiher, was sie ihrem Publikum zumuten wollen.
Nach Carla Simón (ALCARRÀS, ROMERÍA) erlauben sie uns jetzt die Begegnung mit Alauda Ruiz de Azúa. GLAUBE, der zweite Film der baskischen Regisseurin, wächst in den Wochen vor LA BOLA NEGRA und parallel zum Drama IVÁN & HADOUM als dritter spanischer Import heran, über den man in diesem Kinoherbst etwas länger als gewöhnlich sprechen mag. Weshalb? Wegen Dringlichkeit durch Zurückhaltung, scharf konturierte Figuren, gespielt von einem starken kollektiven Cast, Wahrhaftigkeit im Ausformen eines gewiss nicht unheiklen Themas, klaren Bildern und eher beiläufiger, nie ausgestellter Emotionalität.
Ainara (berührend gespielt von Debütantin Blanca Soroa) ist 17, lebt in Bilbao, geht an eine katholische Schule, hat zwar einen geistlichen Berater, aber auch einen Alltag, in dem sich die Schülerinnen und Schüler untereinander so selbstbewusst modern geben, wie es sich für Jugendliche gehören sollte mit Disco, Smartphone, heimlichen Drinks, flotten Sprüchen. Die eher defensive Ainara ist mittendrin, dazu auffällig neugierig auf die Optionen eines eigenen Weges für die Zeit nach der 17, die Räume des Entdeckens, den Mut, Fragen zu stellen. Sie nimmt selbstbestimmt Kontakt zu einem nahen Kloster auf, spricht dort intensiver mit den Schwestern, für die „Gehorsam, Armut, Keuschheit und Klausur“ Gelübde sind, will gar eine längere Zeit mit ihnen verbringen. Für Antworten.
Ainaras Mutter starb, als sie klein war. Die Umstände werden nicht verhandelt. Der Vater, zwei kleinere Schwestern, Großmutter und die sehr nahe Tante halten die Idee der Großfamilie am Leben, auch im Aushalten unterschiedlicher Meinungen. Tante Maite, die sich zu so etwas wie einer Schutzpatronin für Ainara berufen fühlt, ist besonders kontrovers drauf, geht es um den religiösen Glauben, den sie offen ablehnt. Kein Wunder also, dass sie – respektvoll, aber bestimmt – versucht, ihre Nichte in eine andere Richtung zu lenken. Als sich in Ainaras Leben das so kirre machende Gefühl des Verliebtseins meldet, wird sie erschrecken. Auch vor Reaktionen. Und im großen Chor singt sie Nick Caves „Into My Arms“. Welche Arme werden es sein, die für Ainara fortan geöffnet sind?
Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa bettet ihre Hauptfigur und die gesamte Geschichte in ein im besten Sinne glaubwürdiges Umfeld, vermeidet oft gesehene Klischees beider Welten, adaptiert offensiv das Ringen um einen so essenziellen Wert wie Respekt. Besonders durch florierende Heutigkeit ist GLAUBE eben nicht eine auffrisierte Version von DIE NONNE, einzig dass der Film eben mit Blanca Soroa eine gleichsam so überzeugende Hauptdarstellerin präsentiert, wie es 2013 Pauline Étienne gewesen ist. Alauda Ruiz de Azúa sagt zum Einsatz nur von Chormusik in ihrem Film: „Sie verleiht dem Alltag weitere Tiefe, eine gewisse Poesie, Verletzlichkeit. Das Spirituelle ist im Kloster, aber auch außerhalb davon. Es ist keine religiöse spirituelle Dimension, sondern eine emotionale. Dieses unsichtbare Etwas, das uns alle umgibt. Die Zerbrechlichkeit der Dinge. Der Verlust von Menschen, die wir lieben. Die Trennungen, die ohne Geschrei oder Streit geschehen. Die erste unsichere Liebe. Die Abgründe, die sich auftun, während scheinbar nichts passiert. Das Bedürfnis zu lieben oder geliebt zu werden, das uns unser ganzes Leben lang begleitet, ebenso wie das Gefühl, dass jeder an etwas glauben muss.“

Post für Andreas Körner