Körners Corner - schreiben über Film


26. Oktober 2026

Fieber? Wart’s ab, ich küsse dich!

Man brauche gute Knie, wenn man mit Kindern dreht, sagt der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke. Das sei unerlässlich, weil man ihnen ständig auf Augenhöhe begegnen muss. Was beim Arbeitsprozess die reine physische Anstrengung ist, sollte auf der Leinwand dann sehr leicht aussehen und vor allem den erweiterten und übertragenen Sinne der Augenhöhe meinen. Ansonsten geht ein Film mit Kindern eben schief. Wir kennen die Titel … MOSCAS – FLIEGEN UND ANDERE GÄSTE zählt nicht dazu. Es ist ein etwas verstecktes, dem lauten Werben entzogenes, weil mild schillerndes, sanft vibrierendes Schwarz-Weiß-Juwel, wo draußen der Herbstwind das Bunt vom Baume weht. Und MOSCAS wärmt!
3000 Pesos soll sie kosten, die OP der Zehennägel. Witwe Olga (Teresita Sánchez) grantelt schon, wenn ihr im Imbiss ein Paar Pesos mehr für den Snack berechnet werden, aber 3000? Ein Zettel im Hausflur bringt sie auf die Idee der Zimmervermietung. Eines der Krankenhäuser von Mexiko-City liegt gleich gegenüber ihres massiven Wohnblocks und viele Verwandte kommen von weit her in die Hauptstadt, um bei ihren kranken Liebsten zu sein. Wie Tulio (Hugo Ramirez) und sein Sohn Cristian (Bastián Escobar), deren Frau und Mutter sich hier einer Chemotherapie unterziehen muss. Der freundliche Tulio zieht bei der mürrischen Olga ein – offiziell ohne Cristian. Er ahnt oder weiß sogar, dass sie beide zusammen nie genommen hätte. Olga will eher nicht gestört werden, von nichts und niemandem, gleich gar nicht und nicht einmal von Fliegen, es geht um ihre Nägel. Ausschließlich! Und Tulio wird zum Menschenschmuggler für die Nacht …
Das kann nicht auf Dauer funktionieren, der Zufall kommt Vater und Sohn in die Quere und bringt die Untervermieterin in Rage. Doch die leisen Ahnungen beim Schauen dieses zarten, durchaus humorvollen und zutiefst humanistischen Streifens werden laut und lauter. Auch in MOSCAS werden sich Dinge fügen, die guten und schönen und schmerzhaften, wie sie sich schon so oft im Kino gefügt haben und das Publikum ist im Zeugenstand. Hier geschieht es über die Beobachtungen von Alltag. Tulio und Cristian müssen viele Tage „umbringen“ und können einfach nur warten, was nebenan im Hospital geschieht. Ihr Geld wird knapp, Papa muss einen Gelegenheitsjob annehmen, was Cristian in seiner schier grenzenlos scheinenden Vitalität nur noch anspitzt. Grandios, wie er die Empfangsdamen im Krankenhaus umgarnt, damit er als Kind vielleicht doch allein zur Mama darf. Sie braucht doch Hausschuhe! Wie er einen Wachmann fast um seinen Finger gewickelt bekommt. Wie er beim Straßenhändler mit zwei Pfefferminzbonbons einen Satz Sticker bezahlt. Wie er für fünf schmale Pesos immer wieder das kleine große Glück am öffentlichen Tischspieleautomat sucht und manchmal findet. Übrigens wurde dieses gute Stück eigens für den Film entwickelt, schließlich geht es auch um die visuelle Umsetzung von einigen magisch-poetischen Ideen. Space Invaders heißt hier Cosmic Defenders Pro.
Und Olga? Wird auftau(ch)en, so viel sei verraten. Was bleibt ihr anderes übrig, nachdem Cristian ausgerechnet bei ihr jene Methode des Fiebermessens anwendet, die schon seine Mama praktizierte. Zunächst völlig verblüfft, dann überwältigt lässt sie es zu. Zärtlich drückt Cristian seine Lippen auf Olgas Stirn und parkt sie dort für eine entwaffnende Weile. MOSCAS wird bei diesem sehr besonderen Kuss aus der Tonspur geraten. Das „Best-of-Filmmomente 2026“ hat eine neue Nummer 1.
Was noch wichtig wäre: Seit Woody Norman in Mike Mills wunderbarem Drama COME ON, COME ON (2022), der einen gleichsam Neunjährigen fulminant darzustellen wusste, war kaum ein Kind so stark wie der zur Drehzeit wirklich neunjährige Bastián Escobar. Das lange Knien für den Regisseur hat sich gelohnt. Für ihn, für uns.

Post für Andreas Körner