So 18.08. 16:00

Verfilmung des Theaterstücks von Peter Weiss

Special Rezension Körners Corner

Die Ermittlung

Deutschland 2023 240 min

Regie: RP Kahl

Darsteller: Rainer Bock, Clemens Schick, Bernhard Schütz, Arno Frisch, Thomas Dehler, Sabine Timoteo, Christiane Paul

FSK: 12

Eine textgetreue Verfilmung des Theaterstücks von Peter Weiss über den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess, der von Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt/Main stattfand.
In 11 Abschnitten treten insgesamt 39 Zeuginnen und Zeugen vor und belasten 18 Angeklagte, die die Schuld von sich abzuwälzen versuchen. Umgesetzt als filmische Installation in einem Studio, nutzt der Film fulminant die Möglichkeiten von Kamera und Montage, um Akzente zu setzen und die zeitlose Schärfe von Weiss’ Text zu belegen.

Rezension: Körners Corner

Mit einem hervorragenden Ensemble schließt das beeindruckende Werk die Anfänge der Erinnerungskultur an die Gegenwart an und mahnt an die Alternativlosigkeit einer fortdauernden Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Holocaust.

Was auch immer RP Kahl dazu bewogen haben mag, den fast vergessenen, formal strengen Theater-Klassiker von Peter Weiss in der von ihm gewählten, dem Thema angemessenen Form gerade jetzt zu verfilmen – ihm ist damit jedenfalls der Film der Stunde gelungen. Ein Glücksfall, eine Intervention, der/die einerseits (ob gewollt oder nicht) die Täterperspektive von THE ZONE OF INTEREST ergänzt, dabei aber ganz auf die durch Sprache entstehenden Bilder in den Köpfen der zumeist wohl nachgeborenen Zuschauer baut und vertraut.

„Die Ermittlung“ mit dem Untertitel „Oratorium in 11 Gesängen“, von Peter Weiss aus dem subjektiven Bedürfnis geschrieben, die Konzentrationslager und wie es dazu kommen konnte, zu verstehen, ist dabei zugleich auch ein fesselnder Sprung zurück an den Beginn der bundesdeutschen Erinnerungskultur zum Holocaust.
Weiss hatte seine Arbeit noch vor der Urteilsverkündung im August 1965 abgeschlossen; die Uraufführung von „Die Ermittlung“ fand am 19. Oktober 1965 in 15 Theatern gleichzeitig statt. Wichtig war Peter Weiss die Perspektive seines Stücks, die durch den Titel charakterisiert ist: „Das Konzentrationslager selbst kommt in meinem Stück nicht vor; wir blicken darauf zurück wie diejenigen, die an den tatsächlichen Verhandlungen teilnahmen, aus der Perspektive der Gegenwart.“ Es geht also in der „Ermittlung“ um eine Recherche vor dem Hintergrund des damals, Mitte der 1960er-Jahre aktuellen Holocaust-Diskurses, weshalb das Schlusswort des Stücks auch nicht von der Justiz, sondern von einem reuelosen Angeklagten gesprochen wird: „Heute / Da unsere Nation sich wieder / Zu einer führenden Stellung / emporgearbeitet hat / Sollten wir uns mit anderen Dingen befassen / Als mit Vorwürfen / Die längst als verjährt / angesehen werden müssten.“


Das Material, dessen sich Weiss bei der „Ermittlung“ bediente, stammt zu großen Teilen aus der Prozess-Berichterstattung von Bernd Naumann in der „FAZ“, ergänzt um weitere Quellen und wissenschaftliche Literatur, allerdings sehr konzentriert, „nüchtern und ohne Sentimentalität“. Dieses Konzentrat der Aussagen der geladenen Zeugen vor Gericht überführt, wie Weiss anmerkt, persönliche Erlebnisse und Konfrontationen in die Anonymität. Die Zeugen im Stück werden zu Sprachrohren, die referieren, was Hunderte im Verfahren ausdrückten. Wichtig als Steilvorlage von Weiss für die Verfilmung von RP Kahl: „Die Verschiedenheiten in den Erfahrungen können höchstens angedeutet werden in einer Veränderung der Stimme und Haltung.“

RP Kahl hat das Theaterstück nicht als verfilmtes Theater oder als Adaption des Weiss-Textes, sondern als eine Art filmischer Installation umgesetzt. Gedreht wurde mit mehreren beweglichen Kameras in einem Studio, die Angeklagten sitzen auf einer Seite, die Zeugen treten vor ein Mikrofon und machen ihre Aussagen. Dazu noch der Richter, der Staatsanwalt und der Verteidiger – ein kompaktes Setting, das dennoch reichlich Raum für Beobachtungen eröffnet. Die Zahl der auftretenden Zeugen hat Kahl gegenüber der Vorlage von 9 auf 39 Darsteller erweitert und hochkarätig besetzt; gleiches gilt für die 18 Angeklagten.

Weil es Peter Weiss aus seiner Perspektive auch um ein Machtgefüge geht, dass das Ausagieren von Machtverhältnissen von oben nach unten ermöglicht, also um ein zutiefst negatives und destruktives Menschenbild, fehlt in „Die Ermittlung“ – auch früh bemerkt – das Wort „Jude“, wiewohl es in den Prozess-Notizen Naumanns wiederholt vorkommt. Bei Weiss wird der Holocaust als Verbrechen gegen die Menschheit verhandelt, als ein System, dass prinzipiell überall etabliert werden kann, wo die strukturellen Bedingungen fortdauern.


Start: 22.07.2024