12. August 2024
Vielleicht, nein, ganz sicher werden 2025 die Filme zum erweiterten Themenkreis Zweiter Weltkrieg/Nationalsozialismus noch einmal eine Art Hochkonjunktur im Kino erleben. Man mag in diesen Breiten Jahrestage sehr und der 80. nach 1945 wird ohne Zweifel ein besonderer sein. Gut ist, dass sich viele Produzenten und Verleiher davon unbeeindruckt zeigen. Sie schicken bereits im laufenden Jahrgang ihre neuesten Streifen auf die Leinwände, haben sie schon geschickt oder werden es noch tun. All die gelungenen, beeindruckenden, weniger gelungenen, verzichtbaren.
Wir kennen seit Januar die Titel – STELLA, THE ZONE OF INTEREST, FÜHRER UND VERFÜHRER, DER SCHATTEN DES KOMMANDANTEN. Im Herbst kommen noch Andreas Dresens IN LIEBE, EURE HILDE sowie Andres Veiels Doku über Leni Riefenstahl hinzu. Und da wäre noch DIE ERMITTLUNG. Hier darf das schon abgenutzte Wort „besonders“ noch zutreffen und auch jenes vom „Ereignis“. Allerdings: RP Kahls beeindruckendes Kinostück ruft förmlich nach Kuration, ja, nach Betreuung und, nein, nicht nach Gängelei. Man sollte dieses FilmKUNSTwerk nicht einfach so loslassen und still und heimlich auf ein besonders waches und interessiertes Publikum hoffen. Das „Durchrutschen“ wäre eingepreist.
Es liegt auch an der Lauflänge. 240 Minuten sind wirklich vier Stunden. Aus wenig nachvollziehbaren Gründen gelangt zudem eine Dreistunden-Version in die Programmpläne einiger Kinos. Die sollte man jedoch bitte ignorieren. Denn DIE ERMITTLUNG braucht als filmisches Oratorium genau diese vier Stunden, braucht die kompletten elf Gesänge, für die sich Autor Peter Weiss in seinem im Oktober 1965 uraufgeführten Theaterstück entschieden hatte. Es braucht auch eine Pause im Ablauf – wie im Theater wird es sie auch in der einmaligen Kinoaufführung als Special im PK Ost geben.
Die Inszenierung ist mit knappen Sätzen schwer zu beschreiben und zu greifen – man muss sie im ureigenen Wortsinne erl e b e n. Es geht (wieder) um Auschwitz, (wieder) um Opfer und Täter, um Tatsachen, Erinnerungen, Lügen, das Verdrängen. Es geht um den tatsächlich stattgefundenen Versuch, Auschwitz zum Gegenstand eines ersten juristischen Prozesses in der alten Bundesrepublik zu machen. Es geht künstlerisch um eine Form, die ihresgleichen sucht, um 60 Schauspielerinnen und Schauspieler an nur fünf Drehtagen auf einer einzigen Bühne, um acht Kameras, Licht, die Macht und Kraft der Sprache.
Unter Kuratieren verstehen wir, Ihnen als Leser und Cineast im Blog Körners Corner – schreiben über Film etwas Material an die Hand zu geben, sehr gern im Vorfeld, um Ihnen die Entscheidung für einen Kinobesuch am 18. August noch etwas zu erleichtern, aber auch im Nachgang dieses Sonntags, um das Gesehene zu vertiefen. Ich hatte den Auftrag, aber eben auch die Chance und Herausforderung, DIE ERMITTLUNG journalistisch zu begleiten. Nach intensiver Recherche entstand ein 30-seitiges Heft, das wir an dieser Stelle verlinken.