Preis Der Jury: Festival De Cannes Rezension Körners Corner

Sirāt

Spanien, Frankreich 2025 115 min

Regie: Óliver Laxe

Darsteller: Sergi López, Bruno Núñez, Jade Oukid

FSK: 16

Ein Vater und sein Sohn kommen auf einem abgelegenen Rave inmitten der Berge Südmarokkos an. Sie sind auf der Suche nach Mar, ihrer Tochter und Schwester, die vor Monaten auf einer dieser niemals endenden Partys verschwunden ist. Umgeben von elektronischer Musik und einem rohen, ungewohnten Gefühl von Freiheit, zeigen sie immer wieder ihr Foto herum. Die Hoffnung schwindet, doch sie geben die Suche nicht auf und folgen einer Gruppe von Ravern zu einer letzten Party in der Wüste. Je tiefer sie in die glühende Wildnis vordringen, desto mehr zwingt sie die Reise, sich ihren eigenen Grenzen zu stellen.
ausgezeichnet mit dem Preis der Jury in Cannes 

Rezension: Körners Corner

Der Film ist eine spirituelle Reise durch Schmerz, Stille und Ekstase, getragen von hypnotischen 16mm-Bildern und einem treibenden Soundtrack von Kangding Ray. 

Regisseur Óliver Laxe: Ich interessiere mich schon immer für die tiefere Bedeutung des Wortes SIRÂT, das man mit „Pfad“ oder „Weg“ übersetzen kann. Dieser Weg hat zwei Dimensionen: eine physische und eine metaphysische oder spirituelle. SIRÂT könnte im spirituellen Sinn jener innere Weg sein, der dich dahin bringt, zu sterben, bevor du stirbst. Auch der Übergang zwischen Hölle und Paradies wird SIRÂT genannt. Viele fragen sich, ob wir sowohl als Individuen, als auch als Gesellschaft je in der Lage sein werden, uns weiter zu entwickeln und nicht immer dieselben Fehler zu wiederholen. Niemand garantiert uns das.

Wir leben in unsicheren Zeiten. Selbst mit den besten Absichten, selbst wenn die Umstände uns dazu drängen: die Richtung zu ändern, ist sehr schwierig. Extreme Erfahrungen aber, vor allem solche in Todesnähe, markieren oftmals einen Wendepunkt im Leben und bringen uns dazu, uns in Bewegung zu setzen. Und zwar in eine gute Richtung. Es sind solche Situationen von radikaler Authentizität, in denen das Leben uns packt und uns zeigt, wer wir wirklich sind. Situationen, die uns ohne Netz und doppelten Boden in die Tiefe stürzen. Genau dann, glaube ich, kann sich der Mensch von seiner besten Seite zeigen, dann verfügt er über eine innere Kraft, die tief mit seinem Überleben und dem Wesen seines Daseins verbunden ist.
Wir leben in einer zutiefst todesfeindlichen Gesellschaft, die den Tod aus ihrem Zentrum verbannt hat. Selbst die grundlegendsten Rituale, die uns helfen sollten, ihn zu erfahren und in unser Leben zu integrieren, wurden ausgelagert. Institutionen führen sie automatisch aus. Wie kann man in der heutigen Welt wieder eine Beziehung zum Tod aufbauen? Wie die harten Lektionen annehmen, die er uns lehrt?

Man könnte sagen, SIRÂT ist ein Film über den Tod. Aber ich glaube, es ist vor allem ein Film über das Leben – darüber, was bleibt, wenn man den Boden unter den Füßen schonmal verloren hat. Ein Film über das Überleben. Inmitten des Schmerzes, im Herzen dieser Reise in die Dunkelheit, bleibt die Menschlichkeit. Zerbrechliche Figuren, die sich ihrer Unzulänglichkeit bewusst sind, in einer Welt, die größer ist als sie selbst. Männer und Frauen, die sich nach anfänglichem Misstrauen umeinander kümmern – urteilsfrei, in einer Art stiller Gemeinschaft verwundeter Seelen. Eine Gemeinschaft der Versehrten.
Tief im Innern sind wir alle gebrochene Wesen. Aber die meisten von uns entwickeln Mechanismen, um diese Wunden zu verbergen. Das ist es, was ich an Ravern liebe: Sie zeigen ihre Brüche offen – ungefiltert. Auch für mich war dieser Film eine extreme Reise. Er hat mir erlaubt, mit meinen eigenen Wunden in Beziehung zu treten.

Franz von Assisi sagte: „Die Gnade findet man bei den Ausgestoßenen.“ Rûmî formulierte, dass gebrochene Herzen die schönsten seien, „denn das Licht tritt durch ihre Risse ein.“ 

TRAILER

Start: 14.08.2025