Keine leichte Hypothek, nach einem Coup wie „Oh Boy“ den nächsten Film zu wagen. Sieben Jahre ließ Jan-Ole Gerster sich Zeit, bevor er mit diesem Mutter-Sohn-Drama seinen Zweitling präsentiert. Tom Schilling ist wieder mit dabei. Als Pianist Viktor steht er vor der Premiere seines großen Konzertes. Die besorgte Mutter (Glanzrolle für Corinna Harfouch) hat vorsorglich die letzten Karten gesichert, die sie nun verteilen will. Doch der Tag verläuft anders als erwartet...
Just an ihrem 60sten Geburtstag gibt Sohn Viktor ein großes Klavierkonzert. Um für ein volles Haus zu sorgen, kauft die Mutter die verbliebenen 22 Karten kurzerhand auf, um sie an Freunde und Fremde zu verschenken. Die Karriere ihres Kindes war Lara schon immer wichtig. Vielleicht zu wichtig, weil sie selbst ihren Traum der gefeierten Pianistin einst aufgeben musste. Umso mehr will sie den Erfolg für Viktor um jeden Preis. Der Ehrgeiz hat Spuren hinterlassen. Ehemann Paul hat sich längst abgewendet, der Sohn zog zur Großmutter aufs Land. Unter Kollegen sorgte die Härte der pensionierten Beamtin gleichfalls für frostige Stimmung.
Die vielen falsch gestellten Weichen in ihrem Leben rächen sich mit voller Wucht an diesem Geburtstag. Telefonanrufe lässt Viktor unbeantwortet, nicht einmal eingeladen hat er die Mutter zum großen Konzert. Der geduldige Ex-Gatte fordert ungewohnt rigoros, den Sohn endlich in Ruhe zu lassen. Die Großmutter verweigert die mitgebrachte Torte: „Im Kühlschrank ist kein Platz!“.
Wieder setzt Jan-Ole Gerster auf diverse Episoden an einem einzigen Tag, die wie ein Kaleidoskop das überraschende Bild ergeben. Tom Tykwers vielfach preisgekrönter Haus-Kameramann Frank Griebe zeigt mit visueller Originalität einmal mehr, dass er zu den besten seines Faches gehört. Raffinierter verspiegelt lässt sich Kaufhaus-Shoppen kaum inszenieren, selbst der triste Hansa-Platz von Berlin bekommt ein fast attraktives Antlitz. Überhaupt glänzt die Hauptstadt mit selten auf der Leinwand zu sehenden Schauplätzen in eindrucksvollem Farbkostüm.
Die Besetzung fällt bis in kleine Nebenrollen mit großartigen Darstellern aus. Die Hauptlast trägt klar Corinna Harfouch, die diese Traumrolle mit scheinbarer Mühelosigkeit regelrecht zelebriert. Bisweilen erinnert die Harfouch mit ihrem Auftreten, der eleganten Kleidung und der minimalistischen Mimik an die Huppert in „Die Klavierspielerin“. Hier wie dort gelingt das Kunststück, eine wenig sympathische Figur für das Publikum interessant werden zu lassen, fast Empathie zu entwickeln. Was steckt hinter dieser harten Schale?
Start: 07.11.2019