Sie sind die Ikonen des sozialrealistischen Kinos in Europa, und einmal mehr interessieren sie sich für die Außenseiter und Verlierer der belgischen Gesellschaft: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Während die Filme der Brüder bislang jedoch stets um einzelne Protagonisten kreisten, ist ihr neues Werk ein veritabler Ensemblefilm. Fünf minderjährige Frauen namens Jessica, Perla, Julie, Naima und Ariane haben viel zu früh Kinder geboren und leben nun in einem Heim für alleinerziehende Mütter in Liège.
Auf den ersten Blick scheint der neue Film an DAS KIND (2005) zu erinnern, in dem ein junges Elternpaar von seinem Baby überfordert ist, und der Vater es sogar verkaufen will. Doch auf solche Verknüpfungen achten die Brüder nicht. In fünf Episoden spüren sie den Figuren nach, wie sie trotz familiärer Konflikte und gesellschaftlicher Hürden ihrem Nachwuchs ein besseres Leben ermöglichen wollen. Etwa die schwarze Perla. Sie muss sich damit abfinden, dass ihr weißer Freund sie einfach sitzenlässt und sich keinen Deut für das Neugeborene interessiert. Julie will von ihrer Drogensucht loskommen. Mit ihrem Freund sucht sie eine gemeinsame Wohnung. Sie beginnt eine Ausbildung als Friseurin. Naima hingegen hat früh den Absprung geschafft und kann das Heim verlassen.
Dabei geht es auch darum, dass die jungen Frauen sich von ihren eigenen Müttern befreien müssen, etwa Jessica, die von ihrer Mutter in ein Heim gesteckt wurde und die sie auch jetzt, 15 Jahre später, nicht kennenlernen darf. Ariane muss sich, ähnlich wie die Titelheldin in ROSETTA (1999), von ihrer alkoholkranken, überfürsorglichen Mutter und deren gewalttätigem Freund lösen. Schweren Herzens gibt sie ihr Kind zur Adoption frei. Muster wiederholen sich, die Probleme bleiben über die Generationen hinweg die gleichen. Auch dagegen müssen sich die jungen Mütter wehren.
Häufig sieht man die fünf Frauen, wie sie sich gegenseitig helfen und unterstützen. Denn sie sind aufeinander angewiesen; sie brauchen aber auch die Hilfe der Erzieherinnen. Die hören zu, stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, haben Verständnis und üben keinen Druck aus. Ob die Mädchen ihr Kind zur Adoption freigeben, es alleine erziehen oder doch zu zweit – all das ist ihre Entscheidung.
Auch wenn die Dardennes ihre Figuren scheinbar distanziert beobachten, so erlauben sie doch, dass man ihnen sehr nahekommt. Das macht die Menschlichkeit ihres Kinos aus.
Start: 05.03.2026