Thomas Stuber verfilmt den gleichnamigen Roman von Clemens Meyer.
Zwei Frauen knüpfen in einer Bahnhofskneipe Kontakt zueinander, ein Wachmann und eine Ukrainerin werden zu Vertrauten, ein Imbissbesitzer und eine zum Islam Konvertierte lernen einander kennen. Allen Erzählungen des Films gemeinsam sind eine bezwingende Poesie, die aus dem Abenteuer des Alltäglichen erwächst, Offenheit für Figuren mit nicht geradlinig verlaufender Vergangenheit und erfrischend klischeefreie Milieudarstellungen.
Hans steht einem Trupp von Straßenarbeitern vor, der sich um die Pflege des Straßenrandes irgendwo im Nirgendwo kümmert. Es wird Müll eingesammelt und gemäht. Christa ist bei der Bahn in der Putzkolonne beschäftigt, die nachts die Züge reinigt und sich anschließend in der Bahnhofskneipe betrinkt. Jens und Mario haben sich den Traum vom eigenen Imbiss erfüllt, wenngleich sich Mario mittlerweile eher als Inventar zu verstehen scheint. Dazu noch die Friseurin Birgitt und der Wachmann Erik, die Geflüchtete Marika, der Arbeiter Hamed. Und Aischa, die früher Jana hieß, ist mit dem strenggläubigen Hamed verheiratet, der einst in der Truppe von Hans gearbeitet hat, die dann in einer Arbeitspause eine Gruppe von Geflüchteten entdeckte, die um ein Kind fürchtete, das unwissentlich Herbstzeitlose gegessen hatte. Mittlerweile ist Hans ein Kollege von Erik, der nachts mit seinem Hund ein Ausländerheim bewacht und dabei die kecke Marika trifft, die aus der Ukraine geflüchtet ist. Jetzt lebt sie in der Gegend, in der einst ihr Vater stationiert war.
Fernab aller Problemfilm-Klischees entwirft der Film ein Kaleidoskop voller Geschichten, die von Figuren erzählen, deren Biografien nicht gradlinig verlaufen sind, aber die sich eine Neugier und Offenheit bewahrt haben, die aber auch Einsamkeit und Verbitterung kennen. Dass mancher Traum begraben werden muss, dass etwa Marios Idee vom „Essen auf dem roten Teppich“ in einer Grillbude nur der zweitbeste Einfall, aber dafür sein großer Traum war, treibt ihn, wenn die Fliesenleger ihre Arbeit beendet haben, ins Ungewisse fort. Dass Christa einst, vielleicht vor 1989, als Hotelfachfrau arbeitete, damit rückt sie beim Schnaps in der Bahnhofskneipe erst spät heraus.
Soll man von einem poetischen Realismus sprechen? Soll man von dem herausragenden und zudem äußerst prominent besetzten Ensemble von Darstellern und Darstellerinnen schwärmen, die hier „normale Menschen“ glaubhaft zu spielen verstehen? Oder eher davon, dass es Thomas Stuber gelungen ist, sich bei seinem noch überschaubaren Oeuvre die Mitwirkung einer Gruppe von Darstellern und Darstellerinnen zu versichern, wie man es von Fassbinder oder Graf, Cassavetes oder Ford kennt? So oder so: „Die stillen Trabanten“ ist ein kleines Filmwunder, eine grandiose Literatur-Adaption und zugleich auch ein Versprechen.
Start: 08.12.2022