Die Erfindung der Wahrheit

Miss Sloane

USA, Frankreich 2016 133 min

Regie: John Madden

Darsteller: Jessica Chastain, Mark Strong, Sam Waterston

FSK: 12

Eine selbstsicher-arrogante, mit allen Wassern gewaschene Lobbyistin soll im Auftrag ihrer Kanzlei für die US-amerikanische National Rifle Association (NRA) ein strengeres Waffengesetz verhindern. Stattdessen kündigt sie, heuert mit ihrem Team bei einer anderen Agentur an und arbeitet fortan für die Gegenseite, die eine größere Waffenkontrolle durchsetzen will. Das klug konzipierte, mit konzisen Dialogen gespickte und in der Hauptrolle brillant gespielte Drama nutzt den politischen Lobbyismus in Washington als Hintergrund für einen packenden Thriller. 

Diese Frau muss man nicht mögen: Die elegant gekleidete Elizabeth Sloane ist selbstsicher und arrogant, so skrupel- wie rücksichtslos, wortgewandt und fordernd. Ihr blasses Gesicht wird von schulterlangem rotem Haar gerahmt, überstrahlt nur vom leuchtend roten Lippenstift. Die Lobbyistin arbeitet in Washington für die alteingesessene Kanzlei George Dupont. Dabei geht sie mit fast schon beängstigender Präzision vor. Sie kennt alle Tricks und duldet keine Schwäche, benutzt Menschen und lässt sie en passant fallen. Nur der Erfolg zählt. 
Für die mächtige „National Rifle Association“ (NRA) ist sie der Rettungsanker, um ein unvorteilhaftes Waffenkontrollgesetz zu verhindern. Doch von einem Tag auf den anderen kündigt die Juristin und heuert mit fast ihrem gesamten Team bei der Firma von Rodolfo Vittorio Schmidt an – einer Kanzlei, die eben jenes Waffengesetz durchsetzen soll. Mit einem Mal entspinnt sich ein raffiniertes Schachspiel zwischen den Befürwortern der Waffenkontrolle und den Unterstützern der NRA, bei dem jedem Zug größte Bedeutung zukommt. Sloanes Schutzpanzer, der zunächst so unerbittlich schien, beginnt zu bröckeln. 

Während die politische Einflussnahme hinter den Kulissen Washingtons im Kino eher selten stattfindet, skizziert John Maddens Drama mit Wucht und Verve jene von Männern beherrschte Welt, in der es primär darum geht, den Gegner auszuschalten, der Bessere, Kompetentere, Erfolgreichere zu sein. Dass in diese abgeschlossene Welt eine Frau einbricht, die den Männern haushoch überlegen ist, fügt dem Film eine weitere Dimension hinzu. „You must know your stuff!“, bleut „Miss Sloane“ ihren Mitarbeitern ein, was die Wichtigkeit fundierter Sachkenntnis unterstreicht.

Die Inszenierung thematisiert gar nicht so sehr das Für und Wider von Waffenbesitz. Im Kern geht es vielmehr um Macht und ihren Missbrauch, um Geld und Beziehungen. Das klug aufgebaute Drehbuch konzentriert sich auf die Charaktere, die in einer Mischung aus Intelligenz und Getriebenheit rücksichtslos ihre Ziele verfolgen, ebenso auf die politische Dynamik, die nie still zu stehen scheint. Wie in einem Hochdruckkessel nehmen die Ereignisse immer dramatischere Formen an. Das Gesetz zur Waffenkontrolle wird so zum endlosen Tauziehen, in dem sich Politiker mit auf den Punkt geschriebenen Dialogen verführen lassen und die Einflussnehmer jegliche Grenze überschreiten.


Start: 16.03.2026