Léo und Rémi, beide 13 Jahre alt, sind Freunde und stehen sich nah wie Brüder. Sie sind unzertrennlich, vertrauen sich und teilen alles miteinander. Mit dem Ende des Sommers und dem Wechsel auf eine neue Schule gerät ihre innige Verbundenheit ins Wanken.
ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2022
Léo und Rémi heißen die beiden Freunde. Sie wohnen mit ihren Familien unweit voneinander in einer ländlichen Umgebung. Léo hat einen älteren Bruder. Seine Eltern betreiben eine Gärtnerei, ziehen Blumen und Gemüse. Rémi ist Einzelkind. Seine Mutter arbeitet als Pflegerin auf der Kinderstation eines Krankenhauses in der nahen Kleinstadt. Rémi und Léo sind nicht nur nebeneinander, sondern miteinander aufgewachsen und beste Freunde. Sie verstehen sich mehr oder weniger ohne Worte. Als man sie das erste Mal sieht, ist es Sommer und Ferienzeit. Sie vertreiben sich die Zeit im Wald in fantasievollem Kinderspiel: einer imaginierten Armee von Feinden, die sich ihnen nähert, und vor der sie unverhofft von ihrem felsigen Versteck im Wald in aufgeregter Atemlosigkeit über blühende Blumenfelder fliehen. Die Kamera, mitgezogen von stürmischer Lebensfreude, fliegt mit ihnen schwerelos mit.
Léo sagt seiner Mutter im Vorbeigehen, dass er bei Rémi übernachtet. Die Bemerkung der Mutter, ob er vielleicht auch mal wieder zuhause übernachte, ist eine leise neckische Zustimmung, die Léo mit heiterem Lachen quittiert. Die beiden Jungen fühlen sich beieinander zuhause. Und wenn Rémi in der Aufregung vor einem Konzert nachts wachliegt, weil er darin auf der Oboe ein Solo zu spielen hat, und Léo ihm daraufhin so lange eine fantastische Geschichte um ein Entchen und eine Eidechse erzählt, bis er einschläft, ist das einer der zärtlichsten und unschuldigsten Beweise inniger Zuneigung, die das Kino kennt.
Diese innige Vertrautheit begleitet die beiden, als sie nach den großen Ferien gemeinsam zur Schule radeln. Sie wechseln in die Oberstufe und wurden nicht nur der gleichen Schule, sondern auch der gleichen Klasse zugeteilt; im Schulzimmer sitzen sie nebeneinander. In der Aufregung der ersten Pause, in der die Jugendlichen voneinander noch kaum mehr als die Namen kennen, werden Léo und Rémi von einer aufmerksamen Klassenkameradin neugierig gefragt, ob sie „zusammen“ seien. Während Léo schlagfertig antwortet, sie seien bloß Freunde und das insistierende Nachhaken des Mädchens mit der kurzen Bemerkung, sie seien „sowas wie Brüder“, abhakt, schweigt Rémi.
Doch das einmal Ausgesprochene bleibt im Raum hängen. Es setzt sich, nistet sich ein, bewirkt etwas. Bei Léos und Rémis Schulkameradinnen und -kameraden, die kurz vor oder am Anfang der Pubertät stehen und sich ihrem Alter entsprechend ziemlich unreflektiert und direkt verhalten. Aber auch bei Léo und Rémi, von denen der eine in seiner Verunsicherung instinktiv die Flucht in die Lüge und damit auch in die (Selbst-)Verleugnung antritt, derweil der andere sich zurückzieht und immer mehr verstummt, bis er in seiner verlassenen Hilflosigkeit und Verzweiflung für seinen besten Freund nur noch Tränen und Hiebe übrighat.
Regisseur Lukas Dhont beleuchtet mit seinem Film den Moment, in dem Kindern in der Konfrontation mit der Gesellschaft bewusst wird, dass das, was in der familiären Umgebung als selbstverständlich und normal gilt, von außen anders wahrgenommen werden kann. Brutaler noch: Dass das Verhalten und die Eigenheit eines Menschen von der Gesellschaft, in der er sich bewegt, nicht unbedingt vorbehaltlos akzeptiert wird.
Start: 26.01.2023