Körners Corner - schreiben über Film


6. Juni 2024

Yes or No(lan)

Spät das Frühe nachzuholen, lohnt in bestimmten Fällen sehr. So nimmt gerade Christopher Nolans Erstling, betitelt mit FOLLOWING und 1998 entstanden, in ausgewählten Spielstätten einen dritten Anlauf. Natürlich sind ausschließlich Cineasten die Adressaten, denn obwohl Nolan ab seiner THE DARK KNIGHT-Trilogie (2005 bis 2012) und vor allem INCEPTION (2010) als Hybrid-Regisseur unterwegs ist, also vom Arthauskino genauso gespielt und geliebt wird wie im Multiplex, werden wohl nur die Eisernen wirklich nachschauen wollen, womit sich fürs Erste der Kreis nach OPPENHEIMER vom Vorjahr geschlossen hat. Schade eigentlich.
1998 war der gebürtige Brite Christopher Nolan 28 Jahre jung und drehte schon seit zwei Jahrzehnten Filme. Super 8 war sein Format, da war er gerade mal acht. Vom Wunsch, in Gänze in der Filmindustrie abzutauchen, ließ er nicht ab. Er tat es als Bachelor of Arts dann im Seiteneinstieg. Wer die Basis des Komplexen und Verschachtelten, Kunstvollen, sehr gern Zeitebenen verschiebenden und vor allem eigenwillig Ästhetischen späterer Nolan-Werke, beginnend schon bei MEMENTO (2000) und vorerst gipfelnd in INTERSTELLAR (2014), DUNKIRK (2017) und TENET (2020), bestaunen mag, wird in FOLLOWING als Debüt-Langfilm wirklich fündig.
Das Budget war knapp bemessen – 6000 Dollar. Drehorte in London waren zumeist private oder für wenige Außenaufnahmen nicht ganz so sehr öffentliche. Gearbeitet wurde zumeist sonnabends, man hatte während der Woche ja anderes zu tun. Der Stab rekrutierte sich aus Freunden, ehemaligen Kommilitonen und natürlich aus der Familie. Onkel John zum Beispiel war dabei, der fortan noch oft vom Neffen besetzt werden sollte. Nolan selbst bediente, zum Teil mit „partners in crime“, die wichtigen Gewerke selbst: Regie, Drehbuch, Kamera, Produktion, Schnitt. Und er reiste mit dem fertigen Film dann persönlich um die Welt, um ihn vorzustellen und sich ins Gespräch zu bringen. Für Größeres.
FOLLOWING ist ein klassischer Film-noir, ein schwarzweißer Psychothriller, der sich in seinen atmosphärischen und effizienten Erzählebenen wie ein Puzzle zusammenfügt. Es geht um eine arme Wurst namens Bill (Jeremy Theobald), der sich aus Gründen der Inspiration für seinen erfolglosen Job als Schriftsteller eines seltsamen Mittels bedient: Er verfolgt in Londons Alltag ihm unbekannte Menschen und beobachtet sie. Aus Prinzip jedoch nur einmal. Das Elend, so Bills Stimme aus dem Off, begann, als er von dieser Maxime abgewichen ist. Denn einen Typen namens Cobb (Alex Haw) observierte er mehrmals. Bis dieser die Deckung Bills auffliegen lässt und ihn auf die dunkle Seite des Lebens zieht. Was zunächst nur aussieht wie gemeinsame Sache beim Ausspionieren und gelegentlichen Einbrüchen in Privatwohnungen, bei denen es allerdings nie um Wertgegenstände gehen soll, entpuppt sich als am Ende ziemlich perfektes Katz-und-Maus-Spiel. Mit Opfern. Und einer Blondine.
Wer also in den nächsten Tagen ganze 70 (!) Minuten übrig hat, um dem seltenen und limitierten Aufruf zum FOLLOWING zu folgen, dürfte es nicht bereuen.
Start in Dresden im Zentralkino

Post für Andreas Körner