1. Februar 2024
Natürlich wird bei Aki Kaurismäki viel weniger gesprochen. Schwingung von und Sympathie für Alltagstypen sowie Tonalität und Sensibilität einer tragischen Komödie sind beim Österreicher Adrian Goiginger, der uns schon mit DIE BESTE ALLER WELTEN und DER FUCHS viel Freude bereitet hat, aber ähnlich stark ausgeprägt. So ist der Rickerl kein Poser, sondern ein Loser. Mit ihm geht es hinein in die kopiergeschützten Wirtshäuser der Wiener Arbeiterviertel, es geht ums Ganze, also das Herz. Viel zu selten wurde zuletzt im deutschsprachigen Film derart heftig von der Basis aus an die Pumpe gegrapscht wie es RICKERL – MUSIK IS HÖCHSTENS A HOBBY vermag.
„Was soll ich noch mit Ihnen machen, Herr Bohacek!“ Die Frau vom Arbeitsamt ist von Dienst wegen genervt. Da hatte sie ihm einen so tollen Job auf dem Friedhof vermittelt, nur nicht geahnt, dass der Erich beim Exhumieren eigene Ideen entwickelt. Vorm Rausschmiss gab es im Bestattungsbüro noch mit „Weh au Weh“ den ersten traurig-edlen Song vom struppig-schmalen Mann, der sich als Liedermacher Rickerl nennt und Dialektzeilen textet wie „Musik is höchstens a Hobby“. In echt hat Voodoo Jürgens sie geschrieben, auch das ist natürlich ein Künstlername. Voodoo Jürgens heißt David Öllerer. Der 40-Jährige spielt die Hauptrolle und irgendwie sich selbst, direkt der fulminanten Traditionslinie österreichischer Sängertexter wie Ludwig Hirsch oder Wolfgang Ambros enthüpft und in Tagen, bevor der Beifall heftiger wurde, selbst sehr oft am Boden zerstört und aufgestanden.
Rickerl kann sich gar nichts leisten, große Sprünge als Kleingeldkünstler sowieso nicht, doch eigentlich auch keine Verantwortungsdefizite, denn er hat mit Dominik (Ben Winkler) einen sechsjährigen Sohn aus der Beziehung mit Viki (Agnes Hausmann), die sich inzwischen von einem deutschen Piefke in Wiens noblen Speckgürtel holen ließ, weil es der Junge mal besser haben soll, ohne präzise zu wissen, was besser bedeutet.
Vater und Steppke sind jetzt schon enger, als es Erich je mit seinem Erzeuger war. Sie sind im Besuchskorridor ein Gespann, musizieren, spielen im Hof Fußball - Rapid Wien gegen Argentinien. Sie ziehen durch Stammkneipen, mit Feuerschwertern raus an den See und hin zu Papas Plattenboss. Falls es denn endlich eine erste Platte geben sollte. Die Hoffnung lebt auch ohne Vorschuss, weil dem Rickerl die losen Zettel mit Texten im Gitarrenkoffer wichtiger sein werden, als die Gitarre selbst.
Keine falschen Töne gibt es hier, erst recht, weil nicht synchronisiert, sondern untertitelt wurde. Dafür wird geraucht, als gäbe es kein Morgen, nur das Gestern. Und der Rauch riecht nach Meisterstück.
PS: Wirklich feine Konzertmitschnitte von Voodoo Jürgens finden sich auf YouTube.