22. April 2026
Unsere letzte Begegnung ist schon ein wenig her, doch sie hatte Nachwirkungen. Robert Stadlober zog sehr persönliche Wien-Tipps aus dem Ärmel, die es zu besichtigen galt. Am Morgen danach, im Jahr darauf gleich noch einmal. Ein Höhepunkt? Der Gebäudekomplex Karl-Marx-Hof in Wien-Döbling, über einen Kilometer lang, in den späten 1920ern erbaut, noch heute voller Leben in Wohnungen, auf Balkonen, in längst grünen Höfen. Er stand einst symbolisch für das „Rote Wien“, man darf weiter staunen, was in Ösis Hauptstadt alles geht.
Wir sitzen in einem Kaffeehaus, etwas entfernt vom Touristenschuss, wo Wien so völlig ohne Krampf noch alt sein darf. Robert Stadlober, 43, in Österreich geboren und aufgewachsen, dann Berliner in Teilzeit und schließlich wieder, diesmal mit eigener Familie, in der anderen Hauptstadt angelandet. Nein, wir sprechen nicht mehr von Stadlobers früher ikonischer Rolle im Post-DDR-Film SONNENALLEE. Wir lassen CRAZY und KRABAT aus und seine schier endlose Liste mit Hörbüchern. Selbst Gary, die erste Rockband des umtriebigen Künstlers, kommt nicht vor, die anderen nicht und leider auch das, was gerade an zeitgenössischen Musikproduktionen das Haus Siluh verlässt, ein profundes Indie-Label, das Robert Stadlober seit 2005 anteilig betreibt.
Das Gespräch fand statt, als sich aktuelle Projekte ineinander schoben, um öffentlich zu werden. Gerade war Stadlober in Hans Steinbichlers Opus EIN GANZES LEBEN zu sehen und Josef Haders bittere Komödie ANDREA LÄSST SICH SCHEIDEN wartete im Startblock. Ebenso wie FÜHRER UND VERFÜHRER, in dem er Letzteren spielt: Josef Goebbels. Er hätte „heftig geschluckt, sehr tief ausgeatmet und, glaube ich, sogar etwas laut gelacht“, als ihm diese Arbeit angeboten wurde. Wer jemals intensiv mit Stadlober über politische Dinge gesprochen hat, weiß, dass es wohl keine Rolle gibt, die sich weiter entfernt vom realen Robert S. verorten könnte.
Zunächst dachte er, Regisseur Joachim A. Lang würde ihm Karl Liebknecht antragen. Oder Ernst Thälmann. Doch es sollte um die Propaganda im Dritten Reich gehen und das Heute damit getroffen werden. Stadlober bereitete sich akribisch vor, lieferte eine grandiose, sorgsam austarierte Leistung fernab von sattsam gesehenen Goebbels-Klischees.
Nach der Beschäftigung mit Herbert Marcuse und Peter Weiss hatte Robert Stadlober im Berliner Theater Hebbel am Ufer schon den Dadaisten, Berufsrevolutionär, Anarchokommunisten und Börsenmakler Franz Jung gespielt. Stadlober: „Eigentlich ein unglaublicher Mensch mit extremen Abgründen, doch ich wollte irgendwann nicht mehr mehr an seine Seele ran, eher an die Mechanismen der Faszination für ihn.“ Diese Entschlüsselung funktionierte auch bei Goebbels. Jeden Tag nach Drehschluss lief Robert Stadlober am Drehort Bratislava durch einen Park mit Biergarten und einem alternativen Open-air-Café, wo lachende, tanzende, kiffende, Bier trinkende, knutschende junge Menschen saßen. „Ich habe mich zu ihnen gesetzt, sie beobachtet, eine Zigarette geraucht und Joe Strummer gehört. Es ist wirklich anders gekommen, als es sich dieser Mann, den ich tagsüber zu spielen hatte, so gern vorgestellt hat.“ Stadlober dachte auch an jene Menschen, die sich gegen die komplette Umkehr und Umdeutung von Kunst und Ästhetik der Nationalsozialisten gestellt haben. Stefan Heym und Kurt Tucholsky beispielsweise.
Bei beiden dockt Robert Stadlober längst in Gänze an und ihnen hat er, gleichsam nach langer Auseinandersetzung mit ihren Texten und ihren Leben, zwei musikalische Projekte gewidmet. Stefan Heym sei für Stadlober „als deutscher Jude einer der moralischen Sieger der NS-Zeit“. Zusammen mit Klara Deutschmann und Daniel Moheit entstand „Heym – Vom Aufstoßen der Fenster“ mit 19 vertonten Gedichten des jungen Heym, für Stadlober „einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts, der sich trotz der kaum fassbaren Barbarei seinen hoffnungsvollen Humanismus bewahrt und sein gesamtes Leben lang die Mechanismen, die in den Abgrund führen, aufgezeigt und analysiert hat.“ Es wurde eine starke Singer-Songwriter-Platte mit Charme und Knack und vielen weichen Seiten.
Und Tucholsky? Zwölf Originalgedichte hat Robert Stadlober sanft und nachdenklich, offen in den Poren und fein strahlend in Folk und Pop gebettet, zwischen Berliner Beschwingtheit, bandbesetzter Eleganz, notwendigem Biss und strahlender Hingebung. Parallel zur Platte, bei Staatsakt veröffentlicht, hat er zudem Tucholsky-Gedichte und -Texte für das Buch „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“ (Verbrecher Verlag) kuratiert, wissend, wie fulminant heutig die Texte vom Gestern sind. Lesend, singend und Gitarre spielend war er dann, zusammen mit Langzeit-Akkordeonist Daniel Moheit, mehrfach auch in Dresden. Wer Dota Kehrs Mascha-Kaléko-Hommagen goutiert und sich gern mit Masha Qrella vor Thomas Brasch verneigt, dürfte nicht minder freudvoll zu Robert Stadlobers Tucholsky & Heym-Zirkel gehören wollen.
Bis dahin aber VIER MINUS DREI, Stadlobers aktuelle Arbeit, die zum Markstein seiner Filmografie taugt. Er ist Heli, ein Bühnenclown, Ehemann und zweifacher Familienvater. Einer, der die Welt nicht erobern oder gar einreißen will. Ein Warmherziger und Genügsamer. Das Bittere jedoch, Robert Stadlober spielt in Adrian Goigingers tief bewegendem Streifen fast ausschließlich in Rückblenden. Weil: In einem tückischen Moment mutmaßlicher Ablenkung baut Heli einen Unfall am Bahnübergang. Er stirbt, seine beiden Kinder auch.
Doch es gibt Wunderbares inmitten aller Traurigkeit. Es brauchte diese Tode, um dem deutschsprachigen Kino die wohl ungewöhnlichsten und herzwärts strahlendsten Momente einer Beerdigung zu schenken. Nicht nur die der letzten Jahre.