12. Dezember 2025
Alle Jahre wieder die gleiche Frage: Gehören die drei Buchstaben DVD noch zu Ihrem aktiven Wortschatz? Oder Blu-ray? VHS? Zugegeben, das letzte Kürzel war eine zarte Provokation …
Bei mir jedenfalls hat sich im zu Ende dampfenden Jahr nicht viel verändert. Als Strömungsverweigerer benötige ich DVDs nicht nur fürs Archiv, sondern vor allem fürs Nachsehen. An dieser Stelle folgt eine kleine Auswahl von 2025er Favoriten. Sie sind allesamt lieferbar, wer bislang also noch keine Idee für den Geschenkekorb hatte, sei herzlich eingeladen. Übrigens sind einige Filme dabei, die auch in der Jahresumfrage auftauchen werden und zwar ganz vorn.
Im Grunde noch warm von der Pressfront kommt SIRÂT von Oliver Laxe, der sich an der Kinokasse leider als erwartet schwer vermittelbar entpuppt hat. Dabei braucht er die große Leinwand und mindestens das gute 5.1.-Tonsystem! Die Heimkinoedition ist da nur ein schwacher, aber eben wenigstens überhaupt ein Trost. Was für ein Werk! Diejenigen, die es sehen wollten, waren im Grunde erschüttert – über so viel Kraft, Tiefe und Gesamtwirkung. Rave in der Wüste, Vater sucht Tochter, ein kleiner Tross entfernt sich zum Sand-Trip und wächst zusammen. DVD kommt mit zwei Interviews als Bonus, neben dem Regisseur ist auch Soundtrack-Magier Kangding Ray dabei. (erschienen bei Pandora).
Wer sich in diesen Tagen an Joachim Triers SENTIMENTAL VALUE erfreut und dort vielleicht zum ersten Mal die großartige norwegische Darstellerin Renate Reinsve entdeckt, weil er schon DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT verpasst hat, sollte sich unbedingt ARMAND besorgen. Streitbar war Halfdan Ullmann Tøndels Drama vor allem, weil es an einem entscheidenden Punkt der Handlung den Ton wechselt. Aber: Ist das kleine Wörtchen „streitbar“ nicht nach wie vor ein Qualitätskriterium? Mal darüber nachdenken! Wieder geht es ins Epizentrum Schule, wo es einen „Vorfall“ zwischen zwei Sechsjährigen geben hat. Lehrer, Sozialarbeiter und Eltern versuchen sich an einer friedvollen Aufklärung und scheitern mit wehenden pädagogischen Fahnen. Manchmal kann man so etwas einfach nur wegtanzen. (erschienen bei Pandora)
Bleiben wir im Norden. In Norwegen. Auch die Kinotrilogie (wann gab es zuletzt eine Trilogie im Arthaus?) OSLO STORIES war nicht ganz so leicht ans aufgeschlossene Publikum zu bringen. Dabei sind alle drei Filme von Dag Johan Haugerud eine Klasse für sich, erzählen LIEBE, TRÄUME und SEHNSUCHT doch auf grundhaft überraschende Weise von Alltäglichkeiten, die sich in so vielen anderen Streifen im Klischee verhaken: Aggregatzustände von Beziehungen, Homosexualität, auswärtiger Sex, Projektionen eines ersten Verliebens. Besonders beachtlich ist die literarische Qualität der Dialoge zwischen den Figuren, die sich übrigens innerhalb der Trilogie nicht begegnen und trotzdem zusammengehören. (erschienen bei Alamode/Alive)
Gar nicht ins deutsche Kino schaffte es ein Film, der beim dänischen Nachbarn zum Hit wurde: KINGMAKER von Mikkel Serup. Es ist ein klassischer Politthriller, eine Gattung, die bei uns im Land eher als dürre Kuhle inmitten eh schon öder Landschaft daherkommt. Spätestens seit der vortrefflichen Serie BORGEN weiß man, dass die Dänen auch in dieser Sparte fit sind. Hier heuert Journalist Ulrik Torp (schönes Wiedersehen mit Anders W. Berthelsen!) nach fünf Jahren Ruhepause wieder beim Kopenhagener Dagbladet an und stößt gleich auf die Manipulation einer Wahlentscheidung. Doch anders als erwartet, wurde hier die Niederlage herbei gerechnet, nicht der Sieg. „Ich will tun, was ich kann“, sagt Torp. Und torpediert alles, was ihn an der Wahrheit hindert. Als Torps Chef ist der übliche Verdächtige Nicolas Bro dabei, der freilich auch zum Ensemble von THERAPIE FÜR WIKINGER gehört, dem letzten echten Höhepunkt des Kinojahres 2025. (erschienen bei Ascot Alite)
So richtig warm ums Herz, das echte und das fürs Kino, wurde uns beim neuen Werk des Australiers Adam Elliot. Neben FLOW war es zugleich d e r Animationsfilm des Jahres. Die seltsam-bezaubernde Freundschaft zwischen dem jungen Mädchen Grace und der alten Dame Pinky in MEMOIREN EINER SCHNECKE hat sich tief ins Leinwandgedächtnis eingegraben. Traurig, lustig, berührend, einzigartig! Und aus Knete. Die DVD/Blu-ray wird als feine Edition mit weiteren Kurzfilmen von Adam Elliot, dem Blick hinter die Kulissen und einem erhellenden Making-Of veröffentlicht. Auch dort kommt man aus dem Staunen gar nicht wieder heraus … (erschienen bei Capelight)
Abschließend noch ein typisches Herzensstück: ALL WE IMAGINE AS LIGHT von Payal Kapadia. Es ist ihr Spielfilmdebüt und im Prinzip holt sie das oben umschwärmte Oslo nach Indien, erzählt Lebens- und Liebesgeschichten dreier Frauen dreier Generationen, die in einem Hospital der hitzig-lauten Metropole arbeiten. Mumbai, von dem Touristen sagen, es sei die „Stadt der Träume“, Einheimische sagen eher „Stadt der Illusionen“ dazu. Prabha ist verheiratet, ihr Mann aber lebt in Deutschland – ohne sich zu melden. Anu ist jünger und verliebt – als Hindufrau in einen Muslimen. Beide sind Krankenschwester, Parvaty, die Älteste der drei, ist Köchin und verwitwet. Ihr macht nicht die Liebe zu schaffen, sondern die Tatsache, dass sie aus ihrer Wohnung geschmissen wird. Das Tageintagaus lässt die Wege der Frauen kreuzen, Rambir Das’ vorzügliche, nachgerade poetische Kamera ist dabei und mittendrin. DVD kommt im Bonusteil mit Payal Kapadias dokumentarischem Essay A NIGHT OF KNOWING NOTHING. (erschienen bei Rapid Eye Movies)