17. November 2025
Heute sei eine Rubrik des Blogs reanimiert, die längere Zeit darnieder lag. Sie wurde einst für Querblicke von der Leinwand weg und geraffte Tipps für verpasste Gelegenheiten kreiert. Der dick gepackte Alltag aber verhindert mitunter das Innehalten. Dass es jetzt mal wieder gelingt, ist einem Künstler „geschuldet“: Jürgen Haufe, Jahrgang 1949. Grafiker, Fotograf, Maler, inniger Bewunderer des Films, Theaters und der Musik.
In Dresden und Umgebung rennt man offene Türen ein, fragt man nach seinem Namen, seinen Werken. Haufes Tod im Jahre 1999 hinterließ eine schwere Lücke in seinem Freundeskreis, aber auch im Künstlerkreis der Stadt. Nicht nur der Stadt. Immer wieder gibt es Einzelausstellungen, die sich seinem Œuvre widmen. Und, man glaubt es nicht, jedes Mal ist dabei Neues zu erfahren. Jetzt, wo eine nächste kleine Werkschau in der Villa von Ö Grafik im Dresdner Osten zu sehen ist, war es beispielsweise die für mich bislang unbekannte Tatsache, dass Jürgen Haufe zu Rainer Erlers FLEISCH von 1979 das Plakat erschaffen hatte, als der Organhandelthriller mit angemessener Verspätung auch in der DDR zu sehen war - weil er die BRD schön böse zeigte. Es sollte wohl Haufes einzige Auftragsarbeit als Gebrauchsgrafiker für den Film bleiben. Für Amiga war er länger dabei, Plattenhüllen unter anderem von Perry Friedman, Stern Meißen, den Puhdys (!) künden davon. Doch es gab immer wieder Tangenten zum Film. Einzigartig und gern mit jeweils neuen Augen besehen sind bis heute beispielsweise seine Plakate in den Neunzigern für die Filmnächte am Elbufer und das Filmfest Dresden.
Unvermindert faszinierend bleiben Haufes Studien von Musikern, vor allem aus dem Jazz, die er während der Konzerte in seinen Skizzenblock zeichnete und die dann als Vorlage für drängend-farbige Großformate dienten. In der Villa hängt jetzt auch das Bild von Schlagzeuger Jack de Johnette – er ist vor wenigen Tagen gestorben. Es sind zudem feine Radierungen zu sehen, überraschende freie, weil späte Werke in Acryl, Collagen, im Treppenhaus hängt ein unfassbar schöner großer musikalischer „Skizzenraffer“, mit dem Jürgen Haufe den Satz von Pianist Keith Jarrett aufzunehmen, nein, zu adaptieren scheint: „Jazz ist ein innerlich ablaufender Prozess, der sich als andauerndes Entdecken manifestiert.“
So geht es mir mit Jürgens Arbeiten. Sie öffnen Augen. Noch immer. Sie taugen zu treuen Begleitern, ganz gleich in welchem Format sie vorliegen, weit über öffentliche Expositionen hinausgehend. Immer weiter. Auch die Begegnung mit ihm – sie begann 1993 in der alten Tonne beim Konzert des Bluesrockbarden Calvin Russell, zu dem er spontan das Plakat gestaltet hatte – wurde für mich zur immensen Bereicherung. Menschlich sowieso. Jürgens ruhige Art, seine entwaffnende Freundlichkeit, seine stets spürbare Frische des Instinkts, die vorurteilsfreie Neugier auf den Moment, das Kollegiale, all das hat sich tief in mir verhakt.
Fotograf Matthias Creutziger schreibt über seinen engen Freund und Künstlerkollegen: „Die Freude an der Magie des Sinnlichen und dem Genießen eines einmaligen Augenblicks sind ihm – wie das Aufblitzen seiner Augen und sein unstillbarer Lebenshunger – lebenslang geblieben. Seine Arbeiten waren eigenwillig, anregend, witzig und oft sogar sehr mutig – und in diesem Sinne vielleicht so, wie eine Freundschaft oder das Leben sein sollte.“ Was, bitte, sollte hier noch ergänzt werden? Nur der Gang in die Ausstellung! Dorthin übrigens, wo vor Jahresfrist schon der unfassbare Jan Švankmajer zu sehen war. Auch so einer...
(Jürgen Haufe: Malerei.Grafik, Villa_Ö Grafik, Tauscherstraße 44, 01277 Dresden, geöffnet bis 28. Februar 2026, mittwochs, 17 bis 21 Uhr)