Körners Corner - schreiben über Film


29. August 2024

Zum Kuckuck, es ist der Horror!

Nach außen tun wir gern so, als gehören zu unserem Kinoalltag nur elegante französische Sprechfilme, deutsche Befindlichkeitsliteraturadaptionen, feinste US-Indies, italienische Grandezza und sehr gern mal eine Dokumentation über hinkende Schildkröten auf Mauritius. Das mit dem Horror als einem der ältesten Wiedergänger des internationalen Films ist uns höchstens hinter vorgehaltener Hand ein Bekenntnis wert. Und ganz schnell flüstern wir noch hinterher: Horror, ja, aber nur, wenn er gut gemacht ist!
Zum Kuckuck, noch mal! Dabei gibt es doch immer wieder neue Werke, die genau dieses Kriterium erfüllen. CUCKOO, zum Beispiel. Es ist der zweite Film des deutschen Regisseurs Tilman Singer, einer mit internationaler Kooperation und ebensolchem Anspruch. Da wird nicht einheimisch gekleckert, sondern global geklotzt. Singers Ansprüche und Referenzen konnte man schon beim eigenwilligen Debüt LUZ von 2018 erspüren: Es sind die Klassiker und jungen Kollegen des Weltkinos, die sich ebenfalls auf diesen Pfaden bewegen, um Horror und Mystery als Zeitgenossen zu begreifen. Tilman Singer allerdings muss damit leben, dass man ihm schnell die arg einschränkende Lobpreisung anhängt, „sogar als Deutscher“ würde er im Genre bestehen. Anderen geht es nicht anders, so, als seien eben nur Befindlichkeitsliteraturadaptionen, Dramen und ab und an eine nette Komödie wirklich erlaubt.
Es schreit, wispert, es zuckt im Laken und bald auch am Ohr. CUCKOO beginnt, wie ein Film zu beginnen hat, dem der heiße Brei der Zuordnung so ziemlich wurscht ist. Hier bahnt sich sofort etwas an und es ist nichts Gutes, nicht für Gretchen (Hunter Schafer), eine junge Frau, die in Begleitung ihres Vaters, ihrer Bonusmutter sowie jüngeren Bonusschwester Alma aus den USA in eine nicht näher lokalisierte Alpenregion kommt. Hier im „Ressort Alpschatten“ begann dereinst Daddys zweites Familienleben, inzwischen aber ist seine erste Frau, Gretchen Mutter, verstorben. Es galt zu reagieren.
Man hält sich indes nicht lange mit Patchwork-Rangeleien auf, schnell ziehen übernatürliche und prickelnde Momente ein, die von außen ins Quartett getragen werden. Just im „Alpschatten“ soll Gretchen Vater als Architekt eine bauliche Erweiterung konzipieren, was er nicht ahnt, ist die Tatsache, dass der blockflötende Besitzer Herr König (Dan Stevens aus Maria Schraders ICH BIN DEIN MENSCH) ihn nur angelockt hat, um seine perfiden Menschenexperimente auf die Spitze zu treiben. Alma bekommt schon mal epileptisch anmutende Anfälle, in der schier menschenleeren Lobby des Hotels wird eifrig gekotzt, eine fremde Gestalt als wahrscheinlich weibliches Wesen schreit Gift, ein Ex-Ermittler hat eigene Interessen für investigative Forschungen. Es wird aber Gretchen sein, grandios von Hunter Schafer als drahtige 17-jährige Gitarristin im Hier und Jetzt verortet (wo CUCKOO doch in einem sehr analogen Zeitrahmen spielt), die in Sachen Aufklärung am weitesten und bis zum bitterblutigen Ende kommt. Klar, in die Bredouille kommt sie auch.
Was macht ein Kuckuck? Richtig, er legt seine Eier in fremde Nester. Das wird in einer durchgängig spannenden Inszenierung zur Allegorie, die die Gattung Horror sehr ernst nimmt und gleichzeitig damit lustvoll spielt, inklusive Andeutungen von Coming-of-Age und Verliebtheitsoption. Für Cineasten sei verkündet, dass Tilman Singers zumeist in weit ausgewinkelten Innenräumen spielender Streifen zudem großartig aussieht - er wurde auf 35-mm-Material gedreht. Der Regisseur liebt diese logistische Beschränkung, weil sie ihn fokussierter mache und „meine Sinne schärft“. Nach DIE THEORIE VON ALLEM jedenfalls ist CUCKOO der nächste – deutsche – Alpenthriller von sehr eigener Leinwandstatur.

CUCKOO startet heute bundesweit in ausgewählten Kinos, in Dresden u.a. im Zentralkino

Post für Andreas Körner