Körners Corner - schreiben über Film


19. April 2025

Wir müssen reden! Über drei OSLO STORIES

Es ist so überraschend wie schlüssig: Mit OSLO STORIES ist jetzt innerhalb von nur fünf Kinowochen eine Trilogie gestartet, die ihren Namen wirklich verdient. LIEBE macht den Beginn, es folgen TRÄUME (jüngst Berlinale-Sieger) und SEHNSUCHT. Fiktional erzählt Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller Dag Johan Haugerud norwegischen wie universellen Alltag mit wechselnder Darstellerriege und Figuren, die sich in den Geschichten nicht begegnen, aber begegnen könnten. Überall. Also auch auf Fähren, in Krankenhäusern, Schulen, bei der Arbeit auf den Dächern der Stadt – wo die OSLO STORIES dreimal spielen.
Er wolle vermitteln, dass neue Denk- und Verhaltensweisen möglich sind, sagt Haugerud. Klingt simpel oder gar hochtrabend, gelingt ihm aber auf subtile, emotionale, durchaus individuelle Weise und das im Kontext im Grunde glatt geputzter Gleise, die da heißen: Sexualität, Krankheit, Familie, Liaison.
OSLO STORIES: LIEBE porträtiert Marianne und Tor, die sich von ihrem Job auf Station kennen und so freundschaftlich wie professionell miteinander verbunden sind. Sie ist Ärztin, er Pfleger. Privat bewegen sie sich als Suchende fernab fester Beziehungen, aber mit Wünschen und Sehnsüchten, von denen sie hoffen, es mögen keine Illusionen sein. Tor trifft über eine Dating-Plattform einen Mann und schon die ersten Begegnungen werden verblüffende Pfade nehmen. Marianne verliebt sich in einen zweifachen Vater und ahnt, dass sie ihn teilen muss. Ob sie es will? Kann? Wann?
In LIEBE läuft - speziell von Andrea Bræin Hovig und Tayo Cittadella Jakobsen stark gespielt - viel über punktierte, fast literarische Kommunikation, das offene Sich-Mitteilen ohne große Geheimniskrämerei. Tugenden, die verschüttet scheinen und auf die hier ein nächstes Nordlicht geworfen wird.
So etwas hätte Isabelle Huppert auch spielen können und zwar zu Zeiten von DIE SPITZENKLÖPPLERIN. Sie war da 24, sah aber aus wie 17. Wie Ingrid Giæver. Die junge Norwegerin ist die Johanne in TRÄUME, Teil 2 der OSLO STORIES. Und trotzdem, keine Ahnung, die Huppert ist irgendwie auch dabei. Man darf ja selbst mal träumen ...
Mein Leben ist in einer Wolke, sagt Johanne aus dem Off. Regisseur Dag Johan Haugerud treibt die faszinierend-drängende, schwungvoll elegante Mono- und Dialognatürlichkeit seines Projekts hier noch einmal auf die einsame Spitze. Es geht direkt hinein ins Innenleben der 17-jährigen Hauptfigur, die – welche degradierende Nüchternheit liegt leider in diesem Slogan – von Kopf bis Fuß von ihrer ersten Liebe durchfahren wird. Schrecklich und wunderbar zugleich. „Ich spürte ihre Anwesenheit am ganzen Körper“, ist von Johanne zu erfahren.
Ausgelöst wird die Heftigkeit von Johanna, ihrer neuen Lehrerin. Dagegen hilft nur Nähe, glaubt Johanne, sucht und findet sie. Nach einem Zeitsprung von einem Jahr gibt es eine Geschichte darüber. Johanne selbst hat sie aufgeschrieben, doch ist es die Wahrheit? Eine Adaption von Wahrheit? Muss hier eine polizeiliche Anzeige her oder besser Omas Verlegerin, die weiß, dass gute Storys Potenzial haben und „kleine, feine Juwele“ schätzen kann?
Ach, eine Mutter gibt es auch noch und was sie vom Schriftstück der Tochter hält, öffnet noch einmal völlig neue Perspektiven und gibt die nächste von so vielen Ambivalenzen der OSLO STORIES frei. Das Beste dieser TRÄUME übrigens: Die Abwesenheit von Männern.
Wenn sich zwei Schornsteinfeger gegenseitig anfassen, bedeutet das dann eigentlich die doppelte Hoffnung auf Glück? Mal darüber nachdenken! Regisseur Dag Johan Haugerud erzählt von zwei Schornsteinfegern (Thorbjörn Harr und Jan Gunnar Røise), die sich gegenseitig eher berühren. Weil sie Kollegen sind und Freunde. Hetero sind sie auch, haben Vertrauen in den jeweils anderen und leben Offenheit im Wort. Doch die beiden sind anders, so wie die gesamte OSLO-Trilogie Haugeruds anders ist. Exzellent anders.
Der eine Feger gesteht dem anderen, dass es gestern über ihn gekommen sei. Dass er nach dem Fegen des Schornsteins spontanen Sex mit einem Mann hatte. Als wäre es nichts, gesteht der andere daraufhin die Hitze seiner Träume. David Bowie würde ihm erscheinen und ihn als Frau betrachten. Realität und Traum bringen für beide Gedanken in Gang, doch weder werden sie von Geheimnissen noch Lügen getrieben sein. Entwaffnend ehrlich gehen die Männer mit Gefühlslagen um, drehen Klischees ins Nichts, wundern und häuten sich, fragen. Ihre Frauen kommen ins Spiel und weiter geht es mit dieser im Grunde so unfassbaren Anti-Hysterie, mit der auch SEHNSUCHT Gravierendes und „Stinknormales“ behandelt, so leidenschaftlich wie beiläufig speziell über Sprache und trotzdem einer kinematografischen Ader, die vom Spiel bis hin zur Inszenierung reinweg verblüffend ist.
Die Krux nur: Alle drei OSLO STORIES sind so verdammt schwer zu beschreiben. Das hier war nur ein Versuch ...

Post für Andreas Körner