23. Januar 2026
Offiziell ist es ein Kriegstagebuch, das die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren am Anfang des Zweiten Weltkriegs im September 1939 begonnen und Silvester 1945 beendet hatte. Doch die 17 kleinen Büchlein, die sie zeitlebens im Wäscheschrank ihrer Wohnung in der Stockholmer Dalagatan 46 aufbewahrte, künden natürlich auch von sehr innigen Momenten, Szenen einer Ehe, einer Mutter und solche einer tief empfundenen Scham. Der Krieg wird die Familie Lindgren persönlich nicht erreichen. Ihr gemeinsames Leben ist schön, die Probleme beherrschbar, eher privat. Astrid ist in dieser Periode noch nicht jene Lindgren, die 2002 mit 95 Jahren sterben wird, aber durch ihr Schaffen unsterblich wird. Sie hat einen Sohn - Pernille Fischer Christensens sehr schöner biografischer Spielfilm ASTRID (2018) konzentrierte sich auf ihre Jugend und frühe Mutterschaft – und sie hat Karin, ihre Tochter. Jene, die sich 1941 mit sieben Jahren, vom Fieber geschwächt, den Namen Pippi Langstrumpf ausdenken wird und Mama antreibt, Kindergeschichten zu erfinden.
Für den Dok-Hybrid ASTRID LINDGREN – DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN (und bis heute nicht wiedergefunden, mag man ergänzen) hat Regisseur Wilfried Hauke Tochter Karin Nyman, selbst Schriftstellerin und Übersetzerin, sowie Enkelin Annika Lindberg und Urenkel Johan Palmberg getroffen. Vor der Kamera, die auch an originalen Schauplätzen des Lindgrenschen Lebens in Stockholm, Vimmerby und Furusund steht, holen sie die Tagebücher mit handschriftlichen Aufzeichnungen, Briefen, Fotos und Zeitungsartikeln aus Seidenpapier heraus, sprechen darüber, erinnern sich. Spielszenen, die sich überraschend homogen ans Dokumentarische schmiegen, haben Zitate als Säule. Hinzu kommen viele zeitgeschichtliche Archivaufnahmen, für die Hermann Pölking verantwortlich zeichnete, der dem Programmkino Ost im Vorjahr mit OSTPREUSSEN – ENTSCHWUNDENE WELT einen veritablen Langläufer bescherte.
Das Lindgren-Bild erweitert sich entscheidend für denjenigen, der bislang nicht ganz so tief in ihre Biografie vorgedrungen ist. Noch nicht wusste, dass sie in Kriegszeiten als Zensorin „Drecksarbeit“ verrichtet hat, indem sie für die schwedische Post Soldatenbriefe geöffnet, gelesen, alles vermeintlich Heikle darin geschwärzt, dabei allerdings auch viel und viel eher als das Volk vom grausamen Fortschritt des Krieges erfahren hat. Vom NS-Massaker im tschechischen Lidice zum Beispiel, das sie folgendermaßen kommentiert: „Und diese Tat hat ein Volk begangen, das ,Stille Nacht’ geschaffen hat!“ Astrid Lindgren schreibt wach und chronistisch, weil täglich, humanistisch und auch zweifelnd sich selbst befragend. Die Tatsache, dass die Sowjetunion Nazideutschland besiegen und danach eigene Pläne im Norden Europas verfolgen könnte, macht ihr Angst und sie äußert diese Angst.
Es gibt im Film auch einen Moment mit Humor. Man erfährt, dass Lindgren sich selbst zensierte und einige all zu heftige Streiche von Pippi Langstrumpf wieder gestrichen hat, darunter jenen, in dem die kesse Heldin mit einem vollen Nachttopf ein Feuer löschen will. Nur, es brannte in der Kirche … Schade, dass es fehlt!
Zur Dresden-Premiere von ASTRID LINDGREN – DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN kommt Regisseur und Autor Wilfried Hauke am Sonntag zur 15-Uhr-Vorstellung ins PK Ost und erzählt vielleicht, was nicht zu sehen ist.