Körners Corner - schreiben über Film


3. Dezember 2024

Weihnachten? Ist mir doch egal

Natürlich ist die Überschrift geklaut. Die einzigartige Kölner Kapelle Erdmöbel hatte auf „Geschenk“, ihrem Weihnachtsalbum von 2014, den saisonalen Dauerdudler „Last Christmas“ (exakt drei Jahrzehnte zuvor erschienen) eingedeutscht. So wurde, herrlich spitz, aus Wham’s Titelzeile „Weihnachten ist mir doch egal“. George Michael fand das gut.
Weiter geht es im Text: „Ich bin 3 Karat Kaugummi Automat. Schenk dir ohne Papier mein billiges billiges Herz.“ Das hatte Zeug und zwar das zum Klassiker. Fortan ergänzten Erdmöbel ihre Urplatte regelmäßig um ein neues Jahresendlied, für das die Band um Wortarbeiter Markus Berges auch ins Schauspielfach griff. Mit dabei waren unter anderem Ulrich Matthes und Maren Eggert. Regisseurin Natja Brunckhorst sicherte sich dann Erdmöbels Dienste für ihren feinen Film „ALLES IN BESTER ORDNUNG. Jetzt kommt das Quartett pünktlich zum Nikolaus im 30. Jahr des Bestehens wieder nach Dresden. Es ist uns keinesfalls egal!
Zwei neue Leinwandstücke ebenfalls nicht, die die Adventszeit in diesem Jahr wirklich ein wenig schöner machen, gefühlsechter und friedlicher. WEIHNACHTEN IN DER SCHUSTERGASSE aus Norwegen ist dabei gedacht und gemacht für komplette Familien, die für sehr viel Fantasie nicht so viel Gedöns brauchen. Die sich einfach berühren lassen von einer kleinen nostalgischen Geschichte aus vergangenen Zeiten. Mittendrin Stine, eine aus dem Kinderheim ausbüxte Neunjährige, die im ersten Nachkriegswinter 1945 als entlarvte Schwarzfahrerin per Zug in einem verschneiten Dorf landet. Dort stört sie fortan den knurrigen Schuster in seinen Vormittagsschläfchen und versucht, ihn mit ihrer kessen Art langsam aber stetig aufzutauen. Was, so viel sei verraten, natürlich gelingt. Eine halbe Million Norweger wollte WEIHNACHTEN IN DER SCHUSTERGASSE im Vorjahr sehen und mit Stine lachen, weinen, andere trösten, auf Gerüste steigen, zögerliche Paare verkuppeln und herzig trällern. In diesem Jahr ist Deutschland dran.
Nein, Brokkoli mag er gar nicht. Fleisch genügt. Und Kartoffeln, davor am besten einen Whisky. Sean, Stammgast in Bradley’s Pub, sucht Geselligkeit, wenn Weihnachten naht. Eigentlich ist er immer auf der Suche danach. Seit seine Eltern tot sind, sitzt ihm die Einsamkeit so richtig im Nacken und es ist das, was diese stille Seele von Mann mit den anderen Menschen verbindet, die der irische Regisseur Ken Wardrop in seinem sensiblen Dokfilm SO THIS IS CHRISTMAS porträtiert. Wardrop beobachtet sie in der Vorweihnachtszeit im Alltag und spricht mit ihnen. Aller Lärm bleibt draußen, dort in der irischen Kleinstadt sowieso, aber auch im Film, der in diesen Tagen Nora Fingscheidts Orkney-Trip THE OUTRUN auf eigene Weise sekundiert.
Loretta kratzt alles Geld zusammen, was sie aufbringen kann, um sich und ihren drei Kindern das Fest so festlich wie möglich herzurichten. Könnte sein, diesmal scheitert sie dabei. Mary ist allein zu Haus und wird es auch zu Weihnachten sein. Freude, sagt sie, sei etwas, „das wir daheim nie kannten“. Und „Driving Home For Christmas“ von Chris Rea ist ein gruseliges Weihnachtslied. Mary mag Slade und bläst den Kummer aus ihrer Fluppe. Annette kennt den Druck der Familie und den des ritualisierten Essens. Sie ist gestört darin und in anderen Dingen auch: „Weihnachten ist für Kinder!“ Sie selbst hat keine. Schließlich ist da Jason, Handwerker und Vater von zwei Söhnen, deren Wünsche nach Dinos und hippen Sneakern er zu jonglieren hat. Allein. Roxy, seine Frau ist letztens verstorben, die Erinnerung an sie changiert zwischen bleiernem Schmerz und ewiger Zärtlichkeit.
Nüchtern aufgezählt, mag es vor allem traurig klingen, was in SO THIS IS CHRISTMAS zu sehen ist. Und doch ist es eher pur und ehrlich, wärmend und matt schillernd in der Dimension des Menschlichen. Ein Film von berührender Natur und Natürlichkeit.

Erdmöbel spielen ihr Weihnachtskonzert am 6. Dezember, 20 Uhr in der Dresdner Groovestation
SO THIS IS CHRISTMAS startet am 5. Dezember (in Dresden exklusiv im Thalia)

Post für Andreas Körner