Körners Corner - schreiben über Film


10. August 2026

Und es hat Zoom gemacht!

Es hätte auch eine alternative Überschrift gegeben: „In die Sonne schauen, die quadratische“. Doch, machen wir es nicht allzu kompliziert! Die österreichische Regisseurin Sandra Wollner, Jahrgang 1983, macht es in EVERYTIME ja auch nicht. Nur am Ende dieses lange Zeit so angenehm unaufgeregt erzählten, fast beiläufigen Dramas muss man sich auf einen Twist einlassen. Dort verlässt dieser mit Bedacht aufwühlende Film die absolut reale Ebene und beginnt sein Ende als neuen Anfang, dann mit surrealen Elementen, zu denen eben eine quadratische Sonne gehört, die vor Teneriffa noch dazu nicht untergehen mag. Kinder hatten am schwarzen Strand gespielt, eine Leuchtrakete gen Himmel geschossen und sich über einen besonderen Treffer gefreut. Den nimmt man dann gleich als Zuschauer mit nach Hause. Verstörung inklusive.
Was bis dahin geschah? Es hat ein paarmal Zoom gemacht und zwar auf grandiose Weise. Kameramann Gregory Oke, selbst auch Regisseur, arbeitet sich an Situationen und Gesichter heran, die hier so völlig alltäglich sind und dort zu sehr großem Kino wachsen. Über diese frühe Sequenz, die EVERYTIME seinen vibrierenden Grundton gibt, sprach man schon in Cannes (wo der Film die von Feinkostlern präferierte Sektion „Un certain regard“ gewann) und man spricht darüber in nahezu jeder Rezension. Wir lassen das und damit dem kommenden Besucher dieses Leinwandereignisses genügend eigenen Freiraum, gefüllt mit Vorahnungen. Atemlos machend ist die Szene sowieso. Auch die Folgen. Ella, eine Singlemutter zweier Töchter, Jessie und Melli, meistert im Grunde so scheinbar souverän das, was Alltag heißt. Wenn EVERYTIME nach besagtem Zoom ein Jahr zu springen weiß, hat sich dieser Alltag aggressiv verändert. Ella meistert ihn trotzdem, allen Attacken in die Magengrube zum Trotz. Melli, die jüngere Tochter, kennt solche Attacken, doch sie lagert sie aus. In Computerspiele und SMS an die Schwester. Ist froh, dass sich Lux, Jessies Freund, nach seinem Auslandsaufenthalt wieder meldet. Ella mag es auch. Warum nicht? Warum keine gemeinsamen Tränen und warum nicht den vor einem Jahr geplanten Kanaren-Urlaub nachholen und Lux mitnehmen?
EVERYTIME ist ein nach innen gewandtes Beben. Offensiv beobachtend, keinesfalls auserzählt, nicht „übererzählt“, sondern mutig im Los- und Seinlassen von Situationen und Empfindungen, auch über Leerstellen und drückend schwülen, ja, zum Teil bedrohlichen, aufreizend anders-als-gängigfarbigen Bildern. Und mehr als nebenbei: Die „große“ Birgit Minichmayr und die „kleine“ Lotte Shirin Keiling sind wunderbar, einfach ganz wunderbar!
Es ist angerichtet! Denn das nächste feine österreichische Kinostück wurde schon gesehen und für angenehm schwergewichtig gefunden: GENTLE MONSTER von Marie Kreutzer, Start im September.

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