26. August 2026
Schleichwerbung sei in diesem Falle bitte erlaubt, schließlich geht es um gute Nachrichten. Ich brauche regelmäßig eine Ladung davon und hole sie mir trotz sozialmedialer Scheu – die Bild- und Tonnachrichten der Enkelinnen ausgenommen – von einer App namens „Squirrel News“. Laut Aussagen des gemeinnützig betreibenden Vereins ist es ihr Ziel „neue Ideen, Projekte und Lösungsansätze sichtbar zu machen, die bei dem üblichen medialen Blick auf Politiker, Katastrophen und Skandale oft zu kurz kommen“. Dass die vornehmlich mit Spenden finanzierte App das Eichhörnchen als Titelgeber hat, liegt am Fleiß der kleinen Wesen, Nüsse zu sammeln. Und so pickt sich das Squirrel-Team konsequent, ausnahmslos und ausschließlich die guten Nachrichten aus verfügbaren Quellen heraus, stellt sie in einem regelmäßig erscheinenden Newsletter zusammen und verlinkt sie für die Nutzer mit den Urhebern.
Jüngst war zu lesen, dass ein 83-Jähriger einen Paketshop gegen die Einsamkeit eröffnet hat, der weltweite Hunger statistisch zurückgeht, dass die Mordrate in Argentinien auf einem Tiefststand angelangt ist, Einheimische in Porto den Nahverkehr kostenlos nutzen können und es in Indonesien schon seit 2025 kostenloses Schulessen gibt. Wer weiß, dass es 2024 in der finnischen Hauptstadt Helsinki mit immerhin knapp 700 000 Einwohnern keinen einzigen Verkehrstoten gegeben hat? „Squirrel News“ hat es mir gesagt. Gut, bei Agenturen wie der dpa, kommentarlos vom MDR und von Die Zeit übernommen, laufen gleichsam good news. Brisant Gutes in Sachen Klima wurde letzte Woche dort verkündet: „Bundesumweltminister Carsten Schneider ist in Thüringen mit Gummistiefeln und Kescher in den Fluss Gera gestiegen, um persönlich eine Wasserprobe zu entnehmen.“ Ist das etwa nichts?
Nun zum Kino! Dieser Tage ist mit SALZ UND WASSER der nächste Versuch zu sehen, mit den Mitteln des Dokfilms und über sehr persönliche Kamerablicke für die großen Themen der Welt zu sensibilisieren. Für Regisseurin Ines Reinisch, die Natur und Wissenschaft zu Säulen ihrer kreativen Arbeit bestimmt hat, ist es ihr Langfilmdebüt. Ähnlich wie kürzlich ihr Rostocker Kollege Tom Fröhlich mit VOM TRAUM, UNSINKBAR ZU SEIN, der von Menschen und Schiffen der ehemaligen DDR-Hochseefischereiflotte erzählt, ging Reinisch an Bord. Ihre Kajüte befand sich auf dem Forschungseisbrecher Polarstern, von Südafrika aus zog das Flaggschiff seine Spur in die Ostantarktis. Dorthin, wo das Wasser unterm Schelfeis immer wärmer wird und es zu Softeis macht und kollabieren lässt. Zehn Wochen lang war Reinisch mit 42 Mann Besatzung und 51 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf Expedition. Acht Jahre dauerten Recherchen und Präparationen sowie die Nacharbeit. Kein Wunder, dass Ines Reinisch den Off-Text nicht von der Stimme eines anderen Menschen sprechen lässt, sondern den sehr persönlichen Ton wählt. Oft ist ein „Ich“ im Dokfilm leicht anbiedernd, hier zwingend. Die starken Bilder synchronisieren sich selbst.
SALZ UND WASSER trägt die Botschaft nicht als grelles Banner vor sich her. Es sind eher feine Menschenporträts zu sehen, schlichte Beobachtungen von naturwissenschaftlicher, aber auch tagtäglicher Schiffsarbeit auf, über und unter Deck. Dieses Gleichgewicht einer Abhängigkeit zu zeigen, ist eine großartige Entscheidung der Regisseurin. Und die guten Nachrichten? Sind rar gesät bis nicht vorhanden. Es geht um kaum im nötigen Maße beachtete Forschungsarbeit, um das messbare Wissen über rasante Klimaveränderungen hier und fehlende Konsequenzen von Politik, Wirtschaft und Individuum dort. „Ich sehe nicht, dass es reversibel ist“, sagt ein junger Wissenschaftler beim Blick in die Zukunft. „Verantwortung ist das, was man imstande ist zu tun“, sagt der Kapitän.