Körners Corner - schreiben über Film


15. Juni 2026

Schmidteinander IDIOTEN schauen

Nur, damit keiner sagen kann: Hätte ich es nur gewusst, ich wäre gern gekommen! Harald Schmidt, der einzige Talkmaster, der es wirklich hinbekommen hat, eine Late-Night-Show im deutschen Fernsehen in anspruchsvolle und dennoch erfolgreiche Bahnen zu lenken, kommt ins Ost. Gut, es ist noch eine Weile hin bis dahin, aber Saal Eins füllt sich schon …
Chefzynisch und klug, eloquent und wortgewandt, wie Schmidt sich auch nach dem Ende seiner TV-Zeit präsentiert (unter anderem mit Gysis Gregor), könnte es ein feiner Abend werden. Denn er ist Gast der nunmehr vierten Folge der Reihe KINO KONTROVERS, in der es eben auch um Film geht, vor allem aber um begleitende Themen, Widersprüche und komplexe Herausforderungen. Extremismusforscher und Psychologe Ahmad Mansour war schon da (zu Ruben Östlunds PLAY), Gewaltforscher und Historiker Jörg Baberowski ebenfalls (zu Nikita Michalkows DIE SONNE, DIE UNS TÄUSCHT), zuletzt kam der österreichische Regisseur Ulrich Seidl und eröffnete seine Werkschau. Jetzt eben Harald Schmidt. Man darf sich bis zum 12. September freudiger Vor-Spannung hingeben.

Das Thema ist so launig wie provokativ gesetzt: „Das Lob der Torheit – wie viele Idioten braucht das Land?“ Und das eine Woche nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt! Gezeigt wird jener Film, der in den späten Neunzigern nun wirklich für Aufsehen gesorgt hat: Lars von Triers IDIOTEN. War DAS FEST, der erste Streifen der dänischen Dogma-95-Gruppe, noch im besten Sinne „sehbar“, weil er eben ein Familienthema hatte, reizte von Trier nicht nur die zehn selbst auferlegten stilistischen Dogma-Regeln (u.a. nur Originalschauplätze, keine Requisiten, keine komponierte Filmmusik, null Kunstlicht und Effekte, keine gezeigten Morde) vollends aus, auch inhaltlich ging er an und über Grenzen. Der Regisseur ließ eine Gruppe mit „normalen“ Männern und Frauen „behindertes“ Leben spielen, konfrontierte sie in aller Öffentlichkeit mit den Reaktionen der Mitmenschen, trieb sie auch intern an Ränder des Aushaltbaren. IDIOTEN schmerzt, ist physisches Kino und eine Zumutung! Gut, dass es diesen Film gibt und gut, dass er nochmals gezeigt wird, allein um zu schauen, wie er gealtert ist. Sein Thema jedenfalls ist es nicht.
Lars von Trier, der sich nach 2022 und einer neuen, grandiosen Staffel der Horrorserie GEISTER aufgrund einer galoppierenden Parkinson-Erkrankung filmkünstlerisch nahezu vollständig zurückgezogen hat, gehörte mit Søren Kragh-Jacobsen, Thomas Vinterberg und Kristian Levring zu den Verfassern des Dogma-95-Manifests. Inzwischen gibt es über 30 internationale Filme, die sich an besagte Regeln hielten beziehungsweise sie mit keckem Augenzwinkern gebrochen haben. Seit wenigen Wochen ist sogar eine neue Bewegung am Start. Unter dem symbolischen Begriff „Dogma 25 Germany“ haben sich Tom Tykwer, Nora Fingscheidt, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann und İlker Çatak zusammengeschlossen, um die im Vorjahr durch fünf dänische Regisseurinnen und Regisseure aufgefrischte Variante der Altvorderen in fünf neuen Filmen umzusetzen. Diese, so die Maßgabe, haben eigene zehn Regeln, die u.a. lauten: handschriftlich verfasstes Drehbuch, mindestens die Hälfte der Lauflänge kein Dialog, kein Internet für den kreativen Prozess, keine inhaltlichen Auflagen bei der Finanzierung, komplette Fertigstellung innerhalb eines Jahres.
Besonders schön ist Punkt 10: „Mach diesen Film, als wäre es dein letzter!“ Wir machen nur den Check und lesen uns wieder, wenn das erste Werk an den Start geht!

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