Körners Corner - schreiben über Film


26. August 2025

Pilz und Vergiftung

Übrigens: Grandioses Filmplakat! Keine einzige der Schauspielerinnen, und sie dominieren die Handlung, zeigt da ihr Gesicht, nicht einmal die wunderbar neu zu entdeckende Grande Dame Hélène Vincent, sondern ein paar der giftigsten Pilzexemplare aus Wald und Flur. Eine Frage von Regisseur François Ozon nimmt diese Optik auf und sie ist zu schön: „Wenn wir Wildpilze kochen, versuchen wir dann nicht mehr oder weniger unbewusst, jemanden loszuwerden?“ Mal darüber nachdenken!
Man kann sich als Zuschauer diesbezüglich auch doppelt präparieren. Am 3. September geht man in eine der beiden Nachmittags-Vorstellungen von WENN DER HERBST NAHT und dann im Anschluss gleich in die Buchlesung des Dresdner „Pilzfluencers“ Tristan Jurisch. Man muss im PK Ost dafür nur den Saal wechseln. Wie man aus beiden Veranstaltungen herauskommt und wie weit die eigenen Pläne dann gediehen sind, steht auf einer ganz anderen Kappe.
Michelle ist 80, ein mildes Persönchen von kleiner Statur und ganz gut auf den Beinen. Sie wohnt jetzt im Burgund in einem eher hutzeligen Häuschen, werkelt genügsam und zufrieden im Gemüsegarten, trifft ihre enge Freundin Marie-Claude (Josiane Balasko) zum Wein. Früher, das soll sich in Ansätzen bald erklären, hatte Michelle in Paris einen Job, der von Natur aus Familienkonstellationen auf den Prüfstand schickt. Tochter Valérie (Ludivine Sagnier) und Enkel Lucas (Garlan Erlos) leben längst an Michelles Stelle in ihrer hauptstädtischen Wohnung, kommen sie zu Besuch, kocht Michelle Quiche. Und Pilze, selbst gesammelt, zwar mit Fotos gecheckt, aber trotzdem nach dem Prinzip „Schätzen Sie mal“ in die Pfanne geworfen.
Mit Aussicht auf gemeinsame Ferienzeit, ist die Begrüßung zwischen der Oma und dem Enkel extrem liebevoll, die Tochter aber wirkt fahrig bis grantig. Schon abends pulverisiert sich die Ahnung eines Idylls endgültig, denn Valérie hat, sie aß als Einzige davon, das Wildpilzgericht nur knapp überlebt und flüchtet mit Lucas zurück nach Paris. Michelle kann es nicht fassen, Valéries Unterstellung, Maman hätte sie ermorden wollen, greift sie aber mal richtig an.
Wenig später beginnt Michelle, das Enkel-Spielzeug zu entsorgen, denn ob sie den Jungen jemals wiedersehen wird, steht in den Sternen des Burgunds. Hilfe bekommt sie von Marie-Claudes gerade aus dem Gefängnis entlassenen Sohn Vincent (Pierre Lottin) und der nimmt es alsbald mit der Fürsorge für Madame Michelle etwas zu genau ...
François Ozon zieht hier ein nächstes Exemplar seiner besonders eleganten Thriller wie aus dem Ärmel. Logischerweise hat er mit allen Charakteren noch etwas vor. Man lauert bei ihm ja stets auf Zeichen und Symbole, echte Fährten und falsche, versteckte Spuren und ausbleibende Lösungen. WENN DER HERBST NAHT, hat Ozon mal wieder Tagesform. Mit wiederholt bestechender Beiläufigkeit entwickelt er über nur wenige scharf konturierte Figuren ein dezentes Geflecht menschlicher Beziehungen in lauernder Landschaft samt Bunt-sind-schon-die-Wälder-Farben. Da wabert natürlich mehr als der Nebel, die psychologisch aufreibende Spannung wird komplex dominiert von Schuld, Fauxpas, fatalen Entscheidungen und aufrichtigen Rätseln. Bon appétit!

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