31. Oktober 2024
Da wäre sie mir fast davon gerollt, diese kleine filmische Perle. Was aber hätte ich verpasst! Die Indizien sprachen nicht gerade für einen späten Höhepunkt des langsam verdampfenden Kinojahres. Die Aufmerksamkeit galt dem neuen Dresen, dem neuen Almodóvar – und beide sind auf ihre ureigene Art natürlich so neu im Grunde nicht und das ist keinesfalls abwertend gemeint. Ach, und der RIEFENSTAHL wollte ja auch noch gehärtet werden. Da kann ein Werk namens E.1027 schon mal durchrutschen. Klingt ja zunächst nach R2-D2 und nach Science-Fiction steht mir gerade nicht der Sinn.
Präzise heißt dieses bezaubernde Leinwandstück E.1027 – EILEEN GRAY UND DAS HAUS AM MEER, was dem Unwissenden auch nicht sonderlich viel weiter hilft. Man ist ja nicht unbedingt im Zweitberuf Architekt. Aber genau diese Profession und die treue Gefolgschaft derselben horchten auf und freuten sich kollektiv auf den Start des Dokfilms von Beatrice Minger und Christoph Schaub, beide aus der Schweiz. Auch das mit dem Dokfilm stimmt nicht ganz. Denn ihr gemeinsames Werk ist ein Essay, ein kleiner Rausch, eine Ode an die Sinnlichkeit – im Dokumentarsegment sind Beschreibungen dieser Art eher selten anzufinden.
Früher kamen nur die Freunde und Freundesfreunde der Planer und Erbauer dorthin, längst kommen die Touristen. Das Haus in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d’Azur ist Kult geworden, nachdem es fast dem ultimativen Vandalismus zum Opfer gefallen wäre. Die irische Architektin und Designerin Eileen Gray (1878 bis 1976) wollte sich etwas „Kleines und Verstecktes“ bauen, einen „freien Schutzort zum Kommen und Gehen“, einen Rückzugsplatz als Refugium. Sie, die am liebsten Möbel entwarf und Häuser, wenn schon denn schon, am liebsten um diese Möbel herum errichten lassen wollte, weil sich „Gegenstände selbst artikulieren“, hatte Ort und Boden in Frankreich gefunden. Dass das Haus knapp über dem Meer dann diesen, von außen betrachtet, seltsamen Namen bekam, lag an Eileen Grays Beziehung mit dem Architekten und Architekturjournalisten Jean Badovici und auch hier hat das Wort „Beziehung“ eine sehr eigene Bedeutung. Zum Glück sind bis heute die Rätsel darüber erhalten geblieben.
Innig war das alles trotzdem, für eine bestimmte, am Ende sehr kurze Zeit. Gray bezog daraus Energie und Inspiration, E.1027 ist eine Kombination der Anfangsbuchstaben beider Namen. Das entscheidet man nicht mal nebenbei. Seit 1929 ist der weiße Kubus mit den blauen Stoffen fertig. Dass er mehrere Leben hat und gar nicht mal so viele, die ihm Eileen Gray selbst einhauchen wollte, auch davon erzählt dieser wundervolle Film.
E.1027 – EILEEN GRAY UND DAS HAUS AM MEER spielt vor allem in den 1920ern und -30ern und das Spielen ist wörtlich gemeint. Woran so viele (Künstler-)Filme dieser Gattung oft kläglich scheitern, hat hier eine wundersame Leichtigkeit: Er verbindet eine innere Sprechstimme mit bewegten und unbewegten Archivaufnahmen, mit Bildern von später und heute, er streift mit leichter Hand durch Biografien und Zeiten, erkundet das Haus und die Menschen dahinter, Eileen freilich exponiert. Dann aber verblüfft er zusätzlich mit handwerklicher Finesse, denn die drei prägenden Protagonisten – Eileen Gray, Jean Badovici und der ihnen nahe stehende Le Corbusier – werden in inszenierten Sequenzen durch Natalie Radmall-Quirke, Axel Moustache und Charles Morillon verkörpert. Oft ist das nachgerade peinlich, hier einfach nur homogen, fließend, natürlich – an originalen Orten sowieso, sogar auf der Theaterbühne, die hier zur Filmbühne wird.
Am Schluss ist die echte, stets scheue Eileen Gray zu sehen, arbeitend mit, wie sie sagt „96 oder 97. Das ist doch dasselbe, oder?“ Sie erinnert hier irgendwie an den großen tschechischen Surrealisten Jan Ŝvankmajer, der mit gerade 90 Lebensjahren noch immer am Denken, Malen, Bauen ist. Zu ihm demnächst an dieser Stelle mehr. Versprochen! Bis dahin eine Perle für die Schläue mit nur noch wenigen Aufführungen.