7. September 2026
Es sind Debüts, die für die beruflichen Lebensläufe von Regisseur Ferzan Özpetek und Schauspielerin Jasmine Trinca von entscheidender Bedeutung sein würden. Die ganz sensiblen cineastischen Kenner werden von sich behaupten, es schon 1997 beziehungsweise 2001 geahnt zu haben, denn in diesen Jahren erschienen HAMAM – DAS TÜRKISCHE BAD beziehungsweise DAS ZIMMER MEINES SOHNES. Man sah die Potenzen.
Ferzan Özpetek verknüpfte in seinem ersten Film jene zwei Welten, die ihn damals jeweils zwei Jahrzehnte geprägt hatten, die türkische und italienische. Mit 19 kam er nach Rom, mit 38 drehte er HAMAM und man spricht noch heute zumeist von diesem stimmungsfrohen Werk, fällt der Name Özpetek. Was folgte, war außerhalb Italiens dann der Flug unterm Radar. Kein Wunder wäre es, wenn ausgerechnet sein bislang letzter Streifen erst der zweite wäre, den man im Kino sieht. DIAMANTI lohnt sich dafür doppelt.
Und Jasmine Trinca, die in DIAMANTI mitspielt? Hatte in Nanni Morettis ZIMMER gleich am Beginn eine fordernde Rolle als Irene, große Schwester und Tochter einer im Grunde intakten italienischen Familie, die sich allerdings durch einen tragischen Zwischenfall völlig neu einnorden muss. Irene verliert ihren Bruder, die Eltern (gleichsam stark gespielt von Nanni Moretti und Laura Morante) ihren Sohn. Wo finden die drei nunmehr ihre Plätze, wohin mit der Trauer und woher die Kraft zum Weitergehen? Man könnte durchaus mal wieder nachschauen, wie der Film gealtert ist – das Thema ist es ja nicht. Allerdings: Mit noch sehr lebendigen Erinnerungen an Jasmine Trincas famosen Erstling kommen ebensolche an eine der gruseligsten deutschen Synchronisationen hoch. Es war eine Straftat! OmU wäre hier also keine Empfehlung, OmU ist Pflicht!
Jetzt aber gibt es gleich drei neue filmische Begegnungen mit Jasmine Trinca, inzwischen 45-jährig, die ebenfalls eher in losen Abständen zu sehen war, so unter anderem in DIE BESTEN JAHRE, EUFORIA, DIE GESCHICHTE MEINER FRAU, sehr prägnant in der Hauptrolle als MARIA MONTESSORI. Ferzan Özpetek besetzte sie als eine von 18 Frauen, die er zugleich als „18 Diamanten“ verstanden wissen will. Schauspielerinnen sind es, bei denen sich für Özpetek „berufliche Wertschätzung und echte persönliche Verbundenheit“ verbindet. Mit den meisten hat er schon gearbeitet. Und so wird aus DIAMANTI als Film im Film vor allem ein farbfulminantes, sinnliches, auch kulinarisches Schneiderinnen-Erlebnis mit einer auf zwei Zeitebenen gerafften tragikomischen Handlung „über die Kraft und die Arbeit der Frauen“ und alles andere als „Science-Fiction“, wie eine der Akteurinnen noch beim Lesen des Drehbuchs, begleitet vom Lachen der anderen, zu mutmaßen weiß. Jasmine Trinca ist – wenn es denn überhaupt Hauptrollen gibt – sehr weit vorn zu sehen, als Gabriella, eine von zwei Schwestern, die im Rom der Mittsiebzigerjahre ein renommiertes Kostümatelier führen, das große Filmproduktionen ausstattet. Ferzan Özpetek feiert mit feinem nostalgischen Blick ein Handwerk und die Kraft der weiblichen Talente, ohne das Auge für soziale Realitäten dieser Zeit zu schließen. Ein Augenschmaus ist’s eh …
Wo Jasmine Trinca in DIAMANTI stiller, indirekter ihre formidable Präsenz entfaltet, kommt sie auch in THE EYES OF OTHERS (GLI OCCHI DEGLI ALTRI) von Andrea de Sica aus dem „Hinterhalt“. Wieder geht es mit edler Optik Jahrzehnte zurück, hin zum Beginn der Sechziger, wieder folgen mehrere Zeitebenen, erneut wird es sinnlich. Elena mag La dolce vita und sie bekommt Gelegenheit dazu. Filippo, ein schnöseliger Marquis, holt sie zu sich auf seine private Insel, anfangs eher als Trophäe, Gespielin und Objekt, später als Sparringspartnerin. Denn Elena begehrt auf. Und wo Demütigung lauert, ist auch ein Gewehr im Arbeitszimmer! Jasmine Trinca spielt diese Elena angstfrei, speziell körperlich. In LA GIOIA von Nicolangelo Gelormini wird es hingegen richtig heikel, denn dort ist Trinca die Mutter eines 17-Jährigen, die seine sexuellen Eskapaden auf bizarre Weise toleriert und sogar befördert. Als sich zwischen Allessio und seiner sehr speziellen Französischlehrerin, gespielt (und kaum wiederzuerkennen) von Valeria Golino, eine sonderbare Beziehung entwickelt, gleitet das Geschehen mehr und mehr in einen handfesten Thriller.
Dreimal Jasmine Trinca – allerdings nur einmal im Kino. LA GIOIA und THE EYES OF OTHERS erscheinen auf DVD/Blu-ray (bei Busch Media).