Körners Corner - schreiben über Film


19. September 2025

Ein Petzold - Die Maßeinheit für Zuverlässigkeit

Als wären sie einfach etwas weiter gen Süden gezogen. Vom Meer runter in die Uckermark, vom Sommer in den Herbst. Als hätten sie ihre Rollen aus ROTER HIMMEL (2023) dabei abgestreift und geschaut, was das Leben auf dem Land ein nächstes Mal für sie bereithalten könnte. Und dann haben Paula Beer, Enno Trebs und Matthias Brandt auf ihrem Weg noch Barbara Auer aufgelesen. Sie stand am Straßenrand, winkte, wollte per Anhalter in die Petzoldsche Galaxis, denn sie weiß längst, was dieser Regisseur ihr zu geben vermag, weil er das, was sie kann, zu nehmen weiß. Alle vier haben mehrfach mit ihm gearbeitet. Sie sind Wiedergänger und Konstanten. Vier Hauptrollen gibt es auch in MIROIRS NO. 3 – und keine Überraschungen. Dafür einen Petzold als Maßeinheit für Zuverlässigkeit.
Die Brücke, der Fluss, ein Feldweg. Was am Beginn für Laura wie ein Test aussieht, ob sie die Option eines Selbstmords überhaupt ziehen könnte, kippt ein paar Szenen weiter ins Tatsächliche, doch, nein, nicht für die junge Frau und mit Suizid hat es auch nichts zu tun. Christian Petzold legt erneut das Vage auf die Waage, indem er Laura leben lässt. Mit Geheimnissen und einem Kratzer, den sie selbst versorgen kann. Oder Betty macht’s, jene Frau in Schwarz am Zaun, an der Laura soeben noch vorbei gedüst ist und bei der sie sich niederlassen wird. Die ihr ein Bett bietet, Tee oder Kaffee, ein paar Anziehsachen. Die allein lebt, bis Richard, ihr Mann, und Max, ihr Sohn zum Abendbrot kommen. Und Laura kocht Königsberger Klopse für alle.
MIROIRS No. 3 nimmt sich alle Zeit dieser uckermärkischen Welt, um vier Menschen in eine Chance zu schicken, ihr Leben doch noch in gute Bahnen zu lenken. Wie im Film aber läuft es nicht, denn auch der neue Petzold kommt so unangestrengt, so fließend, leicht und luftig daher, dass sich das echte Leben mal gehörig etwas davon abschauen könnte. Die Kamera steht, weil man Szenerien entdecken darf. Was ist das für ein altes Haus mit all den Büchern, den Bildern, dem Klavier, dem tropfenden Wasserhahn und der defekten Spülmaschine, die demnächst aus der Haut zu fahren gedenkt? Was könnte Betty vor ihrem Zusammenbruch von Beruf gewesen sein? Bei Richard und Max ist es einigermaßen klar, sie machen irgendwas mit Autos. Vater auf die elegante Art in Wildlederjacke und geputzten Schuhen, der Sohn im Blaumann, wie es sich gehört. Große Redner sind alle nicht, aber Blicke haben sie drauf. Und jetzt haben sie noch diese mysteriöse Laura um sich. Für sieben Tage, höchstens acht.
Es ist ein Kammerspiel mit Salbei, Bier und dem Soul eines Songs: „The Night“ von Frankie Valli & The Four Seasons. Es schärft alles Sinnliche, man höre allein auf die Tonspur. Es ist das Werk einer Gemeinschaft und genau das soll es sein. Christian Petzold gehört weiterhin zu den wenigen Regisseuren dieses Landes, die sich schwer davor hüten, im Vorspann „Ein Film von …“ zu schreiben. Anderes ist wichtiger.
PS: Hefeteig schmeckt nicht muffig, Betty! Dein Sohn hat recht, für Pflaumenkuchen gibt es keinen besseren!

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