Körners Corner - schreiben über Film


21. Dezember 2023

Ein Mann und eine Frau und ein Buch

Wer im Kino schlicht von einem Mann und einer Frau erzählen will, findet sich in so gut wie jedem zweiten Film wieder. Wer aber „Ein Mann und eine Frau“ in An- und Abführungszeichen setzt, kann nur Claude Lelouchs meisterliches 1966er-Stück mit Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant meinen. Jetzt gibt es ein feines Buch, das diesen Titel zart verändert und trotzdem (auch) diesen Film zum Anlass nimmt. Und vier weitere dazu, vier Klassiker, die allesamt vor allem auch in Autos spielen.
Leanne Shapton aus Kanada und der Deutsche Niklas Maak waren 13 beziehungsweise 14 Jahre jung, als Lelouchs Werk unter UN HOMME ET UNE FEMME seinen Weltweg in die cinematografischen Annalen antrat. Gemeinsam fahren sie für ihr Buch nun eigene Wege. Shapton zeichnet auf dem Beifahrersitz mit Wasserfarben (!), was sie durch die Fenster sieht, es sind Aquarelle. Maak lenkt und schreibt Geschichten auf, die sich „on the road“ ergeben – in Manhattan und Montana, Toronto und entlang der Routen Paris - Deauville sowie Rom – Neapel. Einst fuhren ein Mann und eine Frau für eine Kamera und eine Story diese Kilometer entlang, die Streifen heißen neben EIN MANN UND EINE FRAU noch ANNIE HALL (Der Stadtneurotiker, Woody Allen, 1977), CRASH (David Cronenberg, 1996), THE SHINING (Stanley Kubrick, 1980), VIAGGIO IN ITALIA (Liebe ist stärker, Roberto Rossellini, 1954).
Die Künstlerin und der Autor machen keinen Hehl aus ihrer Liebe zu Filmen älteren Erscheinungsjahres und sie wissen, dass es ziemlich viele Alternativen gegeben hätte, um ihre Idee lebendig werden zu lassen. Inspirieren ließen sie sich von einer „merkwürdigen" Spiegelung: Eine Frau und ein Mann sitzen im Kino vor der Leinwand und sehen einen Mann und eine Frau, die nebeneinander in einem Auto sitzen und durch die Windschutzscheibe in die Welt schauen.“ Was wäre heute zu sehen, was zu erleben? Was gibt es über Männer zu sagen und Frauen und Paare und Alleinstehende und solche, die alleine erziehen, und Kinderlose, die kaum wagen, sich einzugestehen, dass gut ist, dass sie es sind? Was passiert, bevor die Autos selber fahren werden, also ohne sie?
Man liest über VW-Käfer, Alfa Spider und andere Modelle, Albert Bierstadts Gemälde, Blackfeet Indians und Amish People, den Grande Raccordo Annulare und Pinien, die alte Kälte und dass es nicht viel wärmer geworden ist. Nicht nur Wege sind es, auch Abwege, überraschende. Einfach göttlich ist jene Passage, da das Buch Paare beschreibt, die es wohl gibt und/oder gegeben hat und sei es in der Fantasie. T. zum Beispiel, der mit seiner nordspanischen Frau nach Göttingen zieht. Anfangs gaben sie sich noch heroische Kosenamen wie Himmel und Licht, Tiger und Bärchen. Bald wurden Kater und Hase daraus. Als sie bei Maus angekommen waren, trennten sie sich.
Ein wohlfeiles Buch für die Sinne. Sehr bibliophil aufgemacht. Lange nicht beim Lesen so intensiv innegehalten und Bilder geschaut!

+ + „Eine Frau und ein Mann“, 222 Seiten, Hardcover, 26 €, erschienen bei Hanser
+ + Sie sehen das genauso oder ganz anders? Post für Andreas Körner