Körners Corner - schreiben über Film


16. Februar 2025

Ein altersloses Kind: Jan Švankmajer

Das Wichtigste gleich vorweg: Es wird knapp mit der Zeit! Die tagesaktuellen Kinodinge haben dafür gesorgt, dass an dieser Stelle zuletzt immer etwas anderes „wichtiger“ war. Doch: Was sollte wichtiger sein, als einem der größten lebenden Träumer, Poeten, Surrealisten, Filmemacher, einem genialischen Sammler, in seinem Schaffen nie vollständig zu greifenden und – wie herrlich ist das denn – nie vorsätzlich gehypten Künstler, Jahrgang 1934, einen Besuch abzustatten? Noch dazu einem Nachbarn ... Nur noch wenige Tage sind in Dresden und im nahen Schloss Lauenstein zwei Ausstellungen mit Werken von Jan Švankmajer anlässlich seines 90. Geburtstages zu sehen. Ach was, zu erleben sind sie! Neu, wieder oder erstmals.
Fotograf Matthias Creutziger strahlte aus zwei Augen heraus bis weit übers ganze Gesicht, als er vor geraumer Zeit schon von einer seiner Dienstreisen kam, die, für sich genommen, den Begriff Dienstreise ad absurdum führte. Er war ins südböhmische Horní Staňkov gefahren und hatte Meister Švankmajer in seiner Residenz besucht, einem Schlösschen, das zugleich die Wunderkammer seiner Arbeiten darstellt. Creutziger rutschte nur ein kopfschüttelndes „Unfassbar!“ heraus, als er versuchte, die Eindrücke dieser Audienz bei einem der prägenden tschechischen Künstler mit Weltgeltung zu beschreiben. Im Ausstellungsraum der Villa Ö Grafik ist jetzt, neben Švankmajers Objekten und grafischen Blättern, auf einem Bildschirm auch ein knapp viertelstündiges Showreel zu sehen mit Fotos, die in Horní Staňkov entstanden sind. Dem Švankmajer-Fan bringen sie ein Lächeln, dem Švankmajer-Neuling das Staunen.
Was Matthias Creutziger besonders beeindruckte, war die Tatsache, dass der Meister noch immer tagtäglich und wie ein altersloses Kind am Arbeiten ist. Während man diese Zeilen liest, ist Švankmajer wahrscheinlich schon wieder im örtlichen Baumarkt, um die nächsten Gipsbinden für eine neue Installation zu kaufen … Im 2022 entstandenen Film KUNSTKAMERA zeigt er übrigens persönlich sein Refugium.  Geheimnisse hat er keine.
Wer mit den vor Fantasie überbordenden Filmen von Terry Gilliam, Tim Burton, Michel Gondry oder Jean-Pierre Jeunet etwas anzufangen weiß, wird längst bei Švankmajer angedockt haben – so wie diese namhaften Regisseure von ihm schwärmen, sich von ihm beeinflusst zeigen und ihn international immer wieder im Munde führen. In Dresden, dieser einstigen Hochburg des DDR-Animationsfilms, ist diese auch politisch stets wache Seele mit seiner Kunst verankert, war persönlich oft zu Gast, zeigte auf dem Filmfest seine Werke, kam zu Ausstellungseröffnungen unter anderem in der Kunsthalle im Lipsiusbau und in den Technischen Sammlungen. Das zu erwähnen, ist allerdings so, als würde man eine Amorette nach Horní Staňkov tragen …
Im Schloss Lauenstein entsteht ein erstaunlicher Effekt mit den ausgewählten Švankmajer-Werken: Sie ordnen sich dort auf bizarre, teilweise äußerst amüsante und auch nachdenkliche Weise in die ständige Erzgebirgsausstellung ein. Da hängt eine Schildkröte mit Hühnerfüßen neben dem Wildschweinkopf – das erfundende Tier neben dem echten. Da thront der Reliquienschrein des JS in der historischen Schlosskapelle – das winzige Detail im großen Ganzen. Jan Švankmajers „Technik-Welt“ repräsentieren Drucke, Zeichnungen, Collagen aus historischen Atlanten, Aquarelle, Puppen, Marionetten, groteske Wesen, ethnologische Artefakte, Knochen, Pflanzen, Muscheln, Stillleben, Mineralisierungen, große Tiere aus Treibholz, Theatersequenzen, Fetische. Und auch hier in den so sehr passgenauen Wunderkammern des Lauensteiner Schlosses laufen Švankmajers Filme.
Auf Texttafeln finden sich zudem Sprüche. Einer der schönsten ist wohl folgender, er stammt aus seinen „Zehn Geboten“ von 1999: „Verwechsle ständig Traum mit Realität und umgekehrt. Es gibt keine logischen Übergänge. Es gibt nur einen winzigen körperlichen Akt zwischen Traum und Wirklichkeit: das Heben oder Schließen der Augenlider. Beim Tagträumen fällt selbst das weg.“ Oder dieses Zitat: „Meine Filme sprechen jene Zuschauer an, die ihre Kindheit noch nicht hinter sich gelassen haben und sich von der pragmatischen Zivilisation nicht die Fantasie aus der Seele schlagen lassen … Die einzige angemessene Antwort auf die Brutalität der Realität ist der Zynismus der Fantasie.“

Ausstellung in der Villa Ö Grafik, Tauscherstraße 44, 01277 Dresden, geöffnet nur noch am 19. und 26. Februar, 17 bis 21 Uhr
Ausstellung im Schloss Lauenstein, geöffnet bis 2. März (Dienstag bis Sonntag, 10 bis 16.30 Uhr

Post für Andreas Körner