9. Oktober 2023
Es heißt zwar Atelier, doch in Anselm Kiefers Kreativräumen könnte man den zweiten Teil von IN DEN GÄNGEN drehen. Hubwagen und Hebebühnen kommen zum Einsatz, Radlader, Flammenwerfer, der Künstler selbst fährt Fahrrad, während Mitarbeiter die riesigen Bilder von A nach B wuchten. Kiefers Werke sind haptisch zumeist von grober Struktur und schwer, oft arbeitet der 78-Jährige mit Gegenständen und Materialien wie Pflanzen, flüssigem Blei, Stroh und Asche, die von forschenden Kameras geliebt werden, weil sie dann im Endzustand eigenen Landschaften gleichen. Eine pure Einladung für Freund Wim, die Freund ANSELM wohl nur aufgrund dieser Freundschaft ausgesprochen hat.
Was am Film überrascht, ist längst nicht die Üppigkeit der Elemente, die sich zu einer visuell-akustischen Reise finden. Was wirklich staunen lässt, ist die Beschränkung in der Laufzeit. Wim Wenders gelingt in seinen Dokumentar-Essays grandiose Effizienz. Und so ermöglicht ANSELM auf der Leinwand wirklich DAS RAUSCHEN DER ZEIT, wie es im Untertitel heißt. Kiefer ist zu hören und zu sehen, auch in Archivaufnahmen aus dem Odenwald, als er schon einmal eher ein Gelände gepachtet hatte wie jetzt in Frankreich, wo er seit 1992 lebt. Gezeigt werden Kiefer und sein Lehrer Beuys, Paul Celan oder Interviews, in denen sich Anselm K. aufrecht und einleuchtend mit schweren Vorwürfen auseinandersetzt, er sei ein Neu-Reaktionär, nur weil er in seiner Kunst von den Nazis missbrauchte und instrumentalisierte Künstler aufgriff.
Das sind Sequenzen der Authentizität, die ein Künstlerporträt braucht, doch Wenders wäre nicht Wim, würde sein Film nicht von Komposition und Collage leben. Mit Überblendungen, inszenierten Spielszenen, Schwarzweiß neben der Farbe, flüsternden Stimmen aus dem Off, stringenter Musik. ANSELM – DAS RAUSCHEN DER ZEIT ist die nächste eher sinnliche Offensive im prosperierenden Dok-Kino.