6. Februar 2026
Längst passé ist jene Ära, da man sich noch ruhig zurücklehnen und in dieser Haltung, auch im Kopf, das wöchentliche Kinoprogramm durchstöbern konnte, um die passende Konfektionsgröße für den nächsten Leinwandbesuch zu finden. Und wir reden hier eben nicht über die Langläufer und Spätentwickler, die entweder vom Startblock weg schon ziehen, als würde es kein Morgen geben, oder die erst langsam in die Samtsitzpuschen kommen und nach drei Wochen zu hoher Form auflaufen. Gemeint sind jene Filme, die mit Hängen und Würgen sieben Tage schaffen. Oder, auch das ist längst Usus, innerhalb der Wochenfrist nur einzelne Vorstellungen haben und manchmal sogar nur eine. Der Cineast muss heutzutage ziemlich fix sein auf der Sohle.
Die Gründe? Das deutsche Kino, mithin der Verleiherpulk, kannibalisiert sich selbst. Bekam man vor 20 Jahren noch Schnappatmung, erschienen an einem Donnerstag sechs neue Filme, waren es bald zehn, zwölf, gar 15. Einige davon wurden knapp vor dem Fernsehversenden nach Mitternacht noch in die Lichtspieltheater geschossen und das aufgrund einer just daran gekoppelten Fördermittelzusage. Michael Eckhardt, hoch geschätzter Chefredakteur des Leipziger Kinomagazins PLAYER, schreibt im Editorial der neuesten Ausgabe von knapp 1000 Filmen, die im Jahr 2025, Wiederaufführungen inklusive, herausgekommen sind. Die mathematische Aufgabe, um den aktuellen Wochendurchschnitt zu errechnen, ist leicht. Und das Ergebnis ist vor allem eines: Wahnsinn! Denn die plusminus 20 Premieren buhlen ja auch um schlichte Wahrnehmung, jedenfalls die meisten davon. Hängt kein „Event“ daran oder ein Abend mit Gästen, wird es knapp mit der Aufmerksamkeit. Zu selten sind die medialen Filmtipps geworden, die sich erlauben, vom Das-wollen-alle-Sehen wegzudriften und feine Raritäten gebührend anzupreisen.
Schauen wir ins jüngste und aktuelle Programm der Programmkinos ist das Elend Programm. MADAME KIKA, ein schlichtweg grandioses französisch-belgisches Drama um eine Sozialarbeiterin, die selbst zum Sozialfall wird, wurde wenigstens kurz, aber heftig vom Thalia gepflegt. LITTLE TROUBLE GIRLS, ein überaus feines slowenisches Stück über eine 16-Jährige, hat(te) im Zentralkino einzelne Aufführungen. DAS FAST NORMALE LEBEN, was man auch immer von diesem nächsten Dokprojekt über eine betreute Kindergruppe halten mag, schafft es noch zu einem dritten Termin. Rar macht sich jetzt auch FOLKTALES, der mit betörenden Bildern von Landschaft, Tieren und Natur erzählt und ja, zudem von einem sehr eigenen pädagogischen Ansatz. Doch in erster Linie ist es eben Kino! SOULEYMANS GESCHICHTE über einen Fahrradboten in Paris ist es auch, noch dazu atemlos, doch ihm wird noch nicht mal ein einziger Dresden-Vorhang zuteil. Bislang.
Da geht es SABBATICAL regelrecht gut. Er rutscht nicht durch, kommt wenigstens an einem Tag. Sabbatical meint ja in erster Linie eine in Mode gekommene zeitlich befristete Auszeit, die man sich von der Festanstellung nimmt. Judith Angerbauers Regiedebüt (die erfahrene Drehbuchautorin kooperierte allerdings schon z.B. mit Matthias Glasner zu DER FREIE WILLE) bekommt selbst eine kurz befristete Kinozeit. Fatal, denn dieses nächste deutsche Familiendrama hebt sich vom Durchschnitt völlig ab. Die Kurzbeschreibung wohl eher nicht, was vielleicht für ein Grundmaß Desinteresse sorgen könnte. Doch: Wie sag’ ich’s meinem Filmfreund?
Tara und Robert, ein durch Krisen verunsichertes Paar, Anfang 40, zieht sich mit sechsjähriger Tochter Nia nach Griechenland zurück, um sich privat und beruflich neu einzunorden. Als der Film beginnt, sieht es ganz ordentlich aus mit dem verordneten SABBATICAL. Als er endet, sind die Muster der Tücken noch dieselben, allerdings kulminierte diese kleine Zelle der Gemeinschaft durch Verwandtschaftsbesuche, hier von Roberts Bruder und seinen Eltern.
Judith Angerbauers verengtem 4:3-Bildformat kann man nicht entrinnen, mit Sirtaki-Idylle ist hier nichts. Dafür erschuf sie ein gnadenlos präzises Kammerspiel im so gar nicht noblen Haus am Meer mit florettscharfen Dialogen und einigen potenziellen Wirkungstreffern beim Zuschauer. Zudem ist der spannende wie erhellende Streifen von Seyneb Saleh, Trystan Pütter, Bernhard Schütz, Ulrike Willenbacher, Sebastian Urzendowsky und Zoë Baier vorzüglich gespielt.
SABBATICAL – einer von 1000. Viel zu schade fürs Verpassen!