Körners Corner - schreiben über Film


9. Oktober 2025

Aber Fatih!

Kaum 200 Kilometer liegen zwischen Hamburg und Amrum. Trotzdem wird der zwölfjährige Nanning von den Ureinwohnern der Nordseeinsel als „Festländer“ beschimpft. Er ist zudem noch Pimpf, vor dem elterlichen Haus wedelt stramm die Naziflagge. Vater ist weg, weil treu im Einsatz fürs Land und auch sein Nanning, das älteste der Kinder, kämpft. Um Selbstbehauptung und die Tatsache, dass eben doch schon neun Generationen in der Ahnenreihe stehen, die ihn mit Amrum verbinden. Mutter Hille sagt es ihm zum Trost, doch sie hat mit sich selbst zu tun. Das vierte Kind ist im Kommen. Wann es kommt? Am Tag, als die Radionachricht gen Norden dringt, Adolf Hitler sei für Volk und Vaterland gefallen.
Aus Ostpreußen und Schlesien ziehen die Trecks mit echten Zugereisten heran. Ob sie Deutsch sprechen, fragen die Insulaner an den Dünen. „Das s i n d Deutsche!“, lautet die Antwort. Doch mit ihnen rückt die Angst noch einmal näher, während die Flugzeuge der Alliierten aus der Luft höchstens Ballast abwerfen und die schlaue Kartoffelbäuerin Tessa hofft, dass sie endgültig das Ende dieses „Scheißkriegs“ verkünden. Tante Ena, die zweite starke Frau in Nannings Heim, denkt da kaum anders. „Nicht ins Haus mit der Drecksuniform!“, herrscht sie den Neffen an. Es ist aufrecht zweideutig gemeint.
Nanning ist ein cleverer Junge, speziell beim Besorgen von Lebensmitteln. Eier von den Wildgänsen, Zucker von Onkel Onno aus Föhr, morgen vielleicht Butter und ein Karnickel, etwas Weizenmehl und Honig wären gut. Denn Mutter verweigert jetzt das Essen. Der Tod des Führers ist ihr auf den Magen geschlagen. Wo soll ein Zwölfjähriger hin mit so viel Kummer? Er muss sich kümmern!
„Ein Hark-Bohm-Film von Fatik Akin“ stand schon im Trailer zu AMRUM. Freundschaftsdienst, sagt der jüngere Regisseur dazu und schenkt dem Stoff, der sich aus Bohms Leben und seinen Erinnerungen nährt, die Leinwand. Hark Bohm selbst, Akins sehr verehrter Mentor und Teilzeit-Kollaborateur, hätte es in Gänze nicht mehr schaffen wollen und können, er ist 86. Für Fatih Akin bedeutet es, dass noch nie in einem seiner Filme so viele Tiere vorgekommen sind, auch an die erzählerische Ruhe muss man sich gewöhnen und wird es wohl schaffen. Von milder Mischung ist das Stück geworden, sanft, fein austariert von Laura Tonke, Lisa Hagmeister und Diane Kruger in den weiblichen Hauptrollen, weich und zärtlich im Amrum-Platt und den anderen Tönen, in den Tag- und Nachtbildern von erhabener Schönheit, im Anriss episodisch, ganz bei Nanning – Jasper Billerbeck spielt ihn sehr erdverbunden – und seiner Sicht auf die Welt, sein kindliches Paradies des Unbedarften und die Wochen, in denen dieses Paradies zu bröckeln beginnt. Der Tod tritt in sein Leben, die andere Wahrheit, das andere Behaupten. Es wird ihn wohl prägen, doch hier ist AMRUM als Film längst vorbei.

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