Egon Schiele

Regie: Dieter Berner | Darsteller: Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner u.a.
Drama/Biographie | Österreich/Luxemburg | 2016 | FSK: 12 | 109 min

Was mag in einem jungen Menschen vorgehen, der mit ansehen muss, wie der psychisch kranke Vater in einem Anflug von Wahn den gesamten Familienbesitz verbrennt? Dieter Berner beginnt seinen Film über Egon Schiele (1890-1918) mit einer solchen Szene, die ein Fiebertraum sein könnte, denn Schiele liegt wenige Einstellungen später sterbenskrank im Bett, schwach und gezeichnet von der Spanischen Grippe, die zum Ende des Ersten Weltkrieges viele hungernde Bürger in Wien ums Leben kämpfen ließ. Schieles Schwester Gerti kümmert sich um den Bruder und bettelt dessen Schwiegermutter an, Familienschmuck zu versilbern, um auf dem Schwarzmarkt fiebersenkendes Chinin zu bekommen.
»Tod und Mädchen« heißt Berners Film im Untertitel, entliehen ist er nicht nur der Romanvorlage von Hilde Berger, die mit Berner auch das Drehbuch für diesen Spielfilm schrieb, sondern auch einem Bild von Schiele gleichen Namens. Der Tod als alltäglicher Begleiter jener Jahre war ganz sicher eines der Themen, die Schiele stark beschäftigt und ihn angetrieben haben. Mehr noch freilich waren es die Frauen, die er malte. Und malen, das konnte er - wie ein Besessener. Schon seine jüngere Schwester Gerti steht ihm als Pubertierende viel Modell, später lernt er Wally kennen, mit der er in wilder Ehe aufs Land zieht und dort in Verruf gerät, ein minderjähriges Nachbarkind ent- und verführt zu haben. Heiraten freilich wird er eine andere.
Dieter Berner bettet sein Porträt ein in Bilder voller Zeitkolorit, erweist sich als genauer Beobachter jener Jahre der Bohème und Schieles Wandel zum Expressionisten und Vertreter der Wiener Moderne. Gustav Klimt als künstlerischer Mentor und väterlicher Freund hat seinen Auftritt, der Prater als nicht nur ein Ort des Vergnügens, sondern auch der harten Arbeit ist nostalgiebetont ins Bild gesetzt, die Natur und das Leben auf dem Land zeigen sowohl ihre paradiesische Seite als auch das Gefühl von Einsamkeit, die vor allem jene plagt, die das gesellschaftliche Treiben und Nachtleben der Stadt brauchen wie die Luft zum Atmen.
Die Kamera und Lichtsetzungen stehen dabei sowohl in der Enge der dunklen und ärmlichen städtischen Atelierwohnungen als auch der sonnendurchfluteten Landpartie ganz im Dienste der schwankenden Stimmungen, denen sich Egon Schiele immer wieder ausgesetzt sah. Euphorisch hier, zutiefst betrübt da, manchmal auch herrisch und ungerecht der hilfsbereiten und aufopferungsvollen Schwester gegenüber, ein kleiner Rebell zudem den gesellschaftlichen Konventionen gegenüber - ein leichter Charakter ist Schiele gewiss nicht gewesen. Mehr noch, als er als Künstler ja auch in der Kritik stand, mit seiner expliziten und ungeschönten Darstellung von insbesondere weiblichen Körpern das in dieser Zeit auch durch Sigmund Freud angestoßene Thema der Sexualität zu nähren, beziehungsweise die Betrachter damit geradezu herauszufordern.
In der Rolle des einerseits gelobten und talentierten, andererseits verdammten und verurteilten Künstlers geht die Neuentdeckung Noah Saavedra, ein junger Schauspieler aus dem Burgenland, voll und ganz auf. Die seinem Charakter innewohnende Gebrochenheit und das gleichzeitige Selbstbewusstsein als junges Künstlergenie, beide Facetten wohldosiert zum Ausdruck gebracht, nimmt man ihm gerne ab. Und schön ist auch zu sehen, dass auch er mit dem Stift umzugehen weiß - denn auch das ist ja wichtig in einem Film über einen bildnerischen Künstler, dass man sehen kann, was er in seinen kreativen Momenten tatsächlich tut. Gut besetzt auch die Frauenrollen mit Maresi Regner (als Gerti), Valerie Pachner (als Wally; zuletzt mit Josef Hader in „Vor der Morgenröte“) und Marie Jung (als Ehefrau Edith). Gut tut dem Film auch, dass die Darsteller mit österreichischem Zungenschlag reden dürfen. In ihrem Fall trägt das zur Authentizität bei, aufgesetzt oder künstlich ausschmückend wirkt es hier nicht. Das Schiele-Jahr kann also kommen, „Tod und Mädchen“ bereitet gut darauf vor.
Thomas Volkmann

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